„Die Band“-Reloaded: Kapitel 1

Es war wieder einer dieser verfluchten Freitagabende.

George Perret saß wie immer als einziger noch in dem riesigen, mit billigen Plastikpflanzen dekorierten Großraumbüro. Es war schon lange nach Dienstschluss, aber wie immer mußte George Perret wieder all die Arbeit erledigen, die während der letzten Woche nicht erledigt wurde. Seine Kollegen hatten wie immer pünktlich auf die Minute das Gebäude verlassen, und wie immer hatte ihn sein Chef, dieser fettleibige, schwitzende und völlige abstoßende XY zu sich ins Büro gerufen, um ihm einen Stapel Akten in die Hand zu drücken, deren Bearbeitung „unverzüglich und sofort durchzuführen sei“. Dies war seine Standardformulierung, und George haßte diesen „Na, Du kleines Würmchen gibt es wieder Überstunden“ – Blick, den XY dabei aufzusetzen pflegte.

Doch was sollte er machen. Schon von Kindheit an wollte George Streifenpolizist bei der Spezialeinheit werden, um „Recht und Gesetz zu vertreten“. Leider fiel er dann bei der Aufnahmeprüfung durch – „Zu klein“ und „Zwerge nehmen wir nicht !!!“ waren noch die netteren Beschimpfungen, die sich George vom Prüfungspersonal anhören mußte. Gewiß, er war nicht gerade groß, aber als „Zwerg“ bezeichnet zu werden, traf ihn immer ganz besonders. Ihm gefiel die Bezeichnung „kleinwüchsig“ viel besser, aber für die meisten Leute war er immer schon „der Zwerg“ gewesen.

Da hatte er in seiner Verzweiflung einen Job als Akteneinsortierer in der Polizeiverwaltung übernommen – einen schlechtbezahlten und langweiligen Job, aber so war er wenigstens ein Teil der Polizei, und das war nun mal sein größter Wunsch gewesen.

Leider hatte er dann XY, er nannte ihn immer nur „den Kloß“, als Chef bekommen. Und dieser haßte alle kleinen Menschen – was mit einer unglücklichen Liebesbeziehung in seiner Jugend mit einer Liliputanerin zu tun hatte – und darum mußte George Perret immer als einziger nach Dienstschluss die Arbeit anderer Leute übernehmen.

Aber heute machte ihm das nur wenig aus, denn heute war Freitag, und freitags spielte die Band – gewiß, keine bekannte Band, aber eine Band in der er der Sänger war, und in der er akzeptiert war. Wenn er dann auf der Bühne stand (meistens allerdings stand er nicht auf der Bühne, sondern saß auf einem Barhocker um etwas von seiner Körpergröße abzulenken) und über vergangene Liebe und Sehnsucht nach Zuhause sang, ja da vergaß er, daß er nur knapp über 1.60 klein war, daß das Dach in seiner kleinen Dachwohnung Löcher wie ein Schweizer Käse hatte, und daß er noch nie jene Windbeutel – die seine Mutter so unwiderstehlich zuzubereiten verstand – auch nur annähernd genießbar zu Wege gebracht hatte. Nein, wenn er sang, fühlte er sich frei und stark.

Heute würden sie im „Blue Note“ spielen; ein von außen völlig zerfallenes Fabrikgebäude, daß aber im Inneren recht gemütlich war und als erste Adresse für „Live-Acts“ in der Stadt galt. Heute Abend könnte ihnen der große Durchbruch gelingen, denn alle würden da sein.

Doch noch war es nicht soweit und George Perret machte sich daran, die letzten Akten in die betreffenden Aktenschränke einzusortieren.

***

Nach einer heißen Dusche fühlte sich Gary immer wie neugeboren. Er drehte den Wasserhahn zurück und nahm sich von der gegenüberliegenden Ablage sein pinkfarbenes Polyamid-Handtuch, das er von einer seiner zahlreichen Verehrerinnen zum letzten Geburtstag geschenkt bekommen hatte, um sich abzutrocknen. Es war wieder ein furchtbarer Tag gewesen – drei Kurse hatte er heute abgehalten, und in jedem waren nur völlig unsportliche 50-jährige Hausfrauen, die allesamt an akutem Übergewicht litten. Und mit diesen Frauen, mußte Gary dann jeweils 2 Stunden Aerobic machten, mußte sie loben, sie aufmuntern und antreiben – wobei er doch eigentlich am liebsten lauthals gelacht hätte, denn der Anblick dieser völlig unsportlichen 50-jährigen Hausfrauen, in ihren viel zu engen Leggings und Bodys war eigentlich nur zum Lachen. Doch Gary, der eigentlich Claudé Regleschovski hieß, aber dennoch von alle nur Gary genannt wurde – sei es wegen seinem unaussprechlichen Nachnamen oder seiner Vorliebe für Gitarristen – konnte sich nicht beschweren.

Gewiß, er hatte eigentlich immer vorgehabt, mehr aus seiner Ausbildung  zum Diplomsportlehrer zu machen, aber der Job war gut bezahlt und ließ ihm genügend Zeit, sich mit schöneren Dingen zu beschäftigen – mit dieser netten, kleinen Französin zum Beispiel, die ganz verrückt nach ihm zu sein schien. Oder mit seiner Gitarre, die er liebevoll „Slide“ nannte, und die er virtuos spielte. Ein Blick auf seine Armbanduhr verriet ihm, daß er sich sputen mußte – heute Abend war schließlich der große Auftritt, und den durfte er nicht verpassen. Eilig zog er sich an, holte „Slide“ vorsichtig aus dem Schrank, verließ schnell den „New Aerobic & Fitneß – Center“, und machte sich auf den Weg ins „Blue Note“.

***

Bert Lanch genoß diese Augenblicke. Die ganze Abteilung hatte hinter ihm gestanden und gebannt den Computermonitor beobachtet, der vor ihm auf seinem Schreibtisch stand. Es herrschte eine für diese Situation typische Stille, in der man die Spannung und Erwartung auf das, was noch kommen sollte, förmlich spüren konnte.

Wie immer hatte Bert den richtigen Riecher gehabt, hatte geahnt was seine Gegenspielerin für Karten haben würde, und so Spiel um Spiel gewonnen. Nun räkelte sich die blonde Schönheit nur noch mit einem schwarzen Spitzenhöschen bekleidet auf seinem hochauflösenden 20 Zoll – Multisync – Echtfarben-Monitor und aus dem PC-Lautsprecher drang ein verführerisches mit 44kHz gesampeltes stereophones  „Na, Du bist mir vielleicht einer …“.

Nur noch ein Spiel und sie würde wieder splitterfasternackt auf dem Tisch tanzen (diese Szene mochte er besonders, schon wegen der wirklich realistischen Animation der weiblichen Rundungen). Aber er hatte ja eigentlich keine Zeit für solche Spielchen, denn der heutige Abend würde vielleicht sein ganzes Leben verändern.

Sehr zum Mißfallen seiner Kollegen stellte er den Monitor ab und verabschiedete sich sehr zum Mißfallen eben dieser mit den Worten „So Leute, genug gespielt, jetzt wird´s ernst !!!“.

2 Minuten später saß er schon in der U-Bahn Richtung Downtown – in der einen Hand einen „Super-Dooper-Whooper“ (er hatte heute schließlich noch nichts gegessen) und in der anderen Hand sein Saxophon, das er wie immer in diesem alten, abgegriffenen Lederkoffer transportierte, den er vor vielen Jahren auf dem Flohmarkt am Hafengelände „für ´n Appel und ´n Ei“ erworben hatte (Bert dachte damals noch, daß der Ausdruck „für ´n Appel und ´n Ei“ soviel bedeutet wie „fast nichts“, aber als der Verkäufer, ein Farbiger mittleren Alters, unbedingt darauf bestand, daß Bert ihm für den Koffer wirklich einen Apfel und ein Ei besorgte, änderte sich dies).

Ihm gegenüber saß ein kleines Mädchen mit ihrer Mutter, und als das kleine Mädchen, das ihn in ihrem blau-weiß gestreifen Matrosenanzug irgendwie an „La Paloma“ erinnerte, auf seinen Koffer zeigte und ihre Mutter ihr erklärte, daß sich darin wahrscheinlich entweder ein Saxophon, ein Maschinengewehr oder ein paar ungewaschen Socken befinden, mußte Bert leise vor sich hinlachen. Denn er mochte es, wenn ihn die Leute in solchen Momenten für einen echten Musiker hielten, und „wer weiß“, dachte er sich, „vielleicht bin ich es nach dem heutigen Abend sogar“.

***

„Was noch nie jemanden interessierte, und darum auch noch nie jemand danach gefragt hat“ – Teil 1:

„Im letzten Jahrzehnt ist der durchschnittliche Brustumfang der deutschen Frau um 1.7 cm angewachsen. Sie wuchs gleichzeitig durchschnittlich aber nur um 0.7 cm“ (QUELLE: Verband deutscher Oberbekleidungshersteller).

***

T.M. stand nun schon seit geschlagenen 2 Stunden in einem seiner drei begehbaren Wandschränke und hatte sich immer noch nicht entschieden, ob er nun das blaßblaukarierte Sakko (das ihm eigentlich zu chic war) mit der schwarzen Hose (die ihm eigentlich zu kurz war) und den extravaganten Sandalen in modischen Streifendesign, die er erst vor kurzem ganz billig in einem dieser zahlreichen Second-Hand-Läden in den Seitenstraßen der Southside erstanden hatte,  oder lieber doch nur ein T-Shirt und Jeans tragen sollte. Der heutige Abend war schließlich sehr wichtig, und heute mußte er einfach eine gute Figur machen – nichts zuletzt weil sie auch da sein würden. Aber er hatte einfach nichts anzuziehen. Mit sorgenvoller Miene  betrat er den nächsten begehbaren Wandschrank.

Als er damals dieses Haus zusammen mit seinem damaligen Lebensabschnittsgefährten erstanden hatte (dessen Namen für den weiteren Verlauf der Geschichte praktisch völlig bedeutungslos ist, und der Autor sich daher nicht die Mühe gemacht hat, sich einen klangvollen Namen auszudenken), waren ihm diese Wandschränke sofort ans Herzen gewachsen. Er konnte sich mittlerweile überhaupt nicht mehr vorstellen, wie er ohne sie leben konnte. Wenn er daheim war, verbrachte er die meiste Zeit mit bzw. in ihnen – entweder wanderte er stundenlang durch die unzähligen Kammern und Gänge, die sich in ihnen erstreckten (er hatte mittlerweile schon richtige Karten erstellt, an denen er sich orientieren konnte, aber dennoch kam es vor, daß er sich verirrte, und dann oft erst nach Tagen wieder den Weg ans Tageslicht fand) oder er saß einfach da und genoß die Erhabenheit und Eleganz, die sie für ihn immer ausstrahlten.

***

George Perret zog die frische Abendluft in vollen Zügen ein, als er endlich das Bürogebäude verließ. Der riesige Parkplatz war bis auf einen Wagen völlig leer – ein schäbiger, 10 Jahre alter, silberner Fiat Panda, mit 45 PS, Kunstledersitzbezügen und einen 2.5 Watt Mono – Kassettenradiogerät, mit defekter Sendersuchtaste.

„Was für eine scheiß Karre“ dachte George als er die Fahrertür öffnete (die wie immer klemmte, und erst nach einem energischen Fußtritt bereit war, ihrer eigentlichen Berufung – sich nämlich zu öffnen – nachzugehen) und sich in den kunstlederbezogenene, völlig durchgesessenen Fahrersitz gleiten ließ – aber der Fiat Panda war eben das einzige Automobil, das klein genug war, damit er ohne Probleme Gas, Bremse und Schaltknüppel erreichen konnte.

Als George auf die Hauptstraße einbog, schlug die Kirchenuhr der gegenüber dem Bürogebäude liegende alten Barockkirche gerade halbacht.

George gab mächtig Gas, denn er mußte sich beeilen, wollte er nicht zu spät zum Treffpunkt kommen, wo er doch zuerst noch seine schmutzige Wäsche seiner Mutter zum Waschen vorbeibringen wollte.

Das „Blue Note“ lag schließlich am anderen Ende der Stadt und die Straßen waren um diese Zeit immer total überfüllt. Aber er kannte genügend Abkürzungen – denn schließlich war das seine Stadt und heute war sein Abend. Bei diesem Gedanken konnte George Perret sich ein leichtes Grinsen (sein erstes an diesem Tag) nicht verkneifen.

***

John war wie immer der erste. Im Lokal war noch keine Menschenseele zu sehen. Er mochte diese Atmosphäre der scheinbaren Ruhe – denn schon in wenigen Stunden würden sich in diesem Raum sehr viele Menschen aufhalten und dann, so hoffte er, war es mit der Ruhe vorbei. Dafür würden sie schon sorgen. Doch noch war alles ruhig, und nur die zahlreichen Plakate und Schwarzweißbilder im Format 20 x 16 an den Wänden, ließen erahnen, daß er sich im vielleicht heißesten Schuppen der ganzen Stadt befand.

John hatte sich schon die ganze Woche auf diesen Abend gefreut. Zum einen natürlich, weil sie heute im „Blue Note“ spielen würden, und ihnen dieser Abend zum großen Durchbruch verhelfen könnte. Aber eigentlich war es ihm egal wo die Band ihre Auftritte hatte, oder wer zuhörte  – ihm machte es einfach Spaß, für ein paar Stunden Musik zu machen und damit dem Alltagstrott zu entfliehen.

John arbeitet nun schon seit etlichen Jahren als Vertreter einer Haarwuchsmittel – Firma, und dieser Job brachte es mit sich, daß er oft wochenlang unterwegs war, um seine „Wundermittel“ an den Mann zu bringen. Er mußte sich auch nach der langen Zeit, in der er mittlerweile in diesem Job arbeitete, immer wieder über die Dummheit und Naivität seiner Kunden (meistens Männer zwischen 45 und 60) wundern, die ihm seine Salben, Cremes, Sprays und Massageöle abkauften, und wirklich hofften, das irgendeines dieser Mittel eine sichtbare Wirkung (in Form von vollerem Haupthaar) hinterlassen würden. Dabei bestanden sie im wesentlichen aus nichts weiter, als Wasser, Fett und einigen Farb- und Aromastoffen.

Aber irgendwie verstand er diese Menschen auch – denn nicht alle waren mit solch schönem Haar gesegnet wie John. Seine langen, blonden Locken, die er meistens offen trug, waren schon immer sein voller Stolz gewesen, und er wurde von vielen Bekannten, die schon in jungen Jahren ihr Haar verloren hatten, darum beneidet.

Wie immer hatte er sich ganz in Schwarz gekleidet; warum, wußte er eigentlich gar nicht so genau (außer vielleicht, daß Schwarz einen sehr guten Kontrast zu seiner Lockenpracht darstellte), aber aus irgendwelchen Gründen hatte er in den letzten Jahren Gefallen an der Farbe gefunden, und mittlerweile ging seine Vorliebe schon so weit, daß er sogar nur noch schwarze Shorts trug (was die geneigte Leserin gerne kontrollieren kann. Anmerkung des Autors: Diesen Witz verstehen jetzt wirklich nur Eingeweihte …). Wenn er dann während des Auftritts seine zweifach entspielgelte Sonnenbrille mit Einzelglasaufhängung und automatischem Beschlag-Schutz (ABS) aufsetzte, fühlte er sich ungemein „cool“ und er konnte dann immer viel befreiter und exzessiver sein Horn blasen.

Teq, der Wirt des „Blue Note“, hatte, wie vereinbart, die Tische direkt vor der Bühne mit weißen Kärtchen versehen, auf denen in roter Schrift „Reserviert“ stand. Teq war natürlich nicht sein richtiger Name, aber so nannten ihn alle, seitdem er bei diesem denkwürdigen Tequila-Wett-Trinken die schon seit vielen Jahren ungeschlagene Stadtmeisterin Tatjana Farnlopov fast geschlagen hätte

„Hier werden sie sitzen“ dachte John, und er konnte immer noch nicht ganz begreifen, was sich heute Abend abspielen sollte. Aber noch war es nicht soweit.

Er öffnete seinen kombinierten, ganz in schwarz gehaltenen, Trompeten-, Flügelhornkoffer, und entnahm sein Horn. Er liebte dieses Gefühl von kalten Metall in seinen Händen und nachdem er seinen rotmetallic Harmondämpfer auf sein Horn gesteckt hatte, fing er an, ein paar Akkorde zu blasen.

***

Das „Blue Note“ befand sich im verruchtesten Viertel der Stadt. Wer sich hierher wagte war entweder lebensmüde oder Musikliebhaber. Denn nirgends in der Stadt war die Wahrscheinlichkeit größer, auf offener Straße von militanten Frauenkomittees überfallen zu werden, und nirgends in der Stadt konnte man bessere Musik hören als im „Blue Note“ (es gab aber mitunter auch Leute, die weder lebensmüde noch Musikliebhaber waren, und die trotzdem ins „Blue Note“ kamen – einfach nur um sich zu betrinken, oder der Einsamkeit der eigenen 4 Wände zu entfliehen – aber das verschwieg Teq immer gerne, denn er war der festen Überzeugung, daß das dem Ruf des „Blue Note“ schaden würde).

Von außen war das „Blue Note“ nicht viel mehr als eine baufällige Baracke (innen erkannte man dann, daß es wirklich nur eine baufällige Baracke war). Die wenigen heilen Fenster waren mit einer dicken Schmutzschicht überzogen, die Fassade war über und über mit Graffitisprüchen bedeckt, die vornehmlich aus der Hand von Mitgliedern militanter Frauenkommittes stammten, und an der Stelle, wo vor langer Zeit einmal eine Tür treu und brav ihren Dienst verrichtet hatte (die aufgrund diverser Frauengeschichten eines Nachts Hals-über-Kopf (oder sollte man besser sagen Klinke-über-Angel) das Land verlassen mußte, und mittlerweile in einer Piano-Bar in Timbuktu arbeitete), befand sich nur noch ein schwarzes Loch, das aber allem Anschein nach eine unglaubliche Anziehungskraft auf die Leute ausübte.

Denn trotz allem war das „Blue Note“ DER Treffpunkt in der Stadt – „Wer hier ist, ist oben“ pflegte Teq immer zu sagen, und in gewisser Weise hatte er damit auch recht (schließlich lag das „Blue Note“ auf einer Anhöhe, von der man und frau einen herrlichen Ausblick auf die ganze Stadt hatte). Selbst die sogenannte feinere Gesellschaft ließ es sich nicht nehmen, ab und zu vorbeizuschauen, und sei es nur, um den von Teq köstlich zubereiteten Flammkuchen zu kosten.

***

Das Knarren der Tür ließ John aus seiner Lethargie erwachen. „Wie kann eine Tür, die schon lange nicht mehr da ist, so knarren ???“ dachte John und öffnete die Augen, um zu sehen wer gerade das „Blue Note“ betreten hatte. Es war Irina, die Pianistin der Band. Ihr langes blondes Haar, das von einer Haarspange einigermaßen gezähmt wurde, gab ihr das gewisse Etwas, das durch ihr strahlendes Lächeln noch unterstützt wurde. John war von diesem Anblick jedesmal fasziniert.

„Hey“ sagte Irina und John erwiderte ein orginelles „Hi“. Damit war das Begrüßungsritual beendet und Irina setzte sich sofort ans Klavier und fing an, ein paar Töne zu spielen – „Was für ein völlig geiles Klavier“ dachte Irina als sie die ersten Tasten drückte – für sie hatte Klavierspielen immer etwas Erotisches, und dementsprechend feinfühlig bearbeitete sie nun die Tasten (In ihren Gedanken bearbeitete sie allerdings in solchen Momenten alles andere als kalten Elfenbein-Tasten, aber diese Gedanke gehören wohl eher in einen anderen Teil des Buches, und sollen hier nicht weiter ausgeführt werden).

Irina war erst vor wenigen Monaten in die Band gekommen, und keiner wußte so genau, woher sie eigentlich kam und wer sie war. Sie gefiel sich in der Rolle der stillen Beobachterin, und erzählte sehr wenig über sich.

Aber schnell hatte sie sich als echten Glücksfall für die Band erwiesen, denn einerseits beherrschte sie ihr Instrument aus dem Eff-Eff, und andererseits strahlte sie eine unglaubliche Sympathie aus, der niemand widerstehen konnte; desweiteren war auch der Umgangston innerhalb der Band sehr viel besser geworden, seitdem eine Frau mitspielte – die Begrüßung mittels Handkuss hatten sie nach wenigen Wochen aber trotz allem wieder eingestellt (nicht zuletzt deshalb, weil Irinas Hände wegen der ganzen Küsserei schon ganz aufgequollen waren, und sie sich dadurch nicht mehr im Stande fühlte, die Tasten zu drücken, geschweige denn Klavier zu spielen).

Ihr Spielen erfüllte den ganzen Raum, und John konnte regelrecht spüren, wie sehr das „Blue Note“ dabei aufblühte – der Raum versprühte auf einmal eine ganz andere Atmosphäre. Ihm war fast so, als ob dieses Gebäude, dieser Raum, die Musik zum Leben brauchte, sie mit jeder Wand, mit jedem Stuhl  in sich aufzog und genoß.

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