E5 – Teil 3: Von der Memmminger Hütte nach Zams

Nach einer Nacht, in der wir erfahren durften, wie sich Sardinen in ihrer vielzitierten Dose fühlen, sind wir froh, als der imaginäre Hüttenhahn zum Aufstehen kräht. Mit maximal 40 Zentimeter Platz zum Schlafen zurechtzukommen ist eine Erfahrung, die man(n) wenn überhaupt nur einmal machen möchte. Vor allem wenn der werte Matrazennachbar sich alle 5 Minuten neu „justiert“ und irgendwie ständig nach mehr Platz verlangt. Was ich dann mit dem eine oder anderen Ellbogencheck oder Kniestoss beantwortet habe.

Das Birchler Müsli schmeckt dann aber auch auf der Memminger Hütte richtig gut, und so langsam kommen die (Bergwanderer-) Lebensgeister bei Jan und mir wieder.

Nach einem kurzen Plausch mit dem netten Stuttgarter, der uns seit den letzten zwei Tagen von Hütte zu Hütte folgt, starten wir kurz nach 7 Uhr unsere heutige Etappe in Richtung Seescharte, die wir nach einstündigem sehr steilen Aufstieg auch recht bald erreichen. Die frisch getrockneten Hemden sind trotz der morgendlichen Frische schnell wieder schweiss-nass, aber Jan und ich geniessen die Kraft und die Routine, die wir am mittlerweile dritten Wandertag verspüren.

Die letzten Meter sind mehr Klettern als Wandern und ich bin überrascht, als mir auf 2599 Meter Höhe mit einem Mal ein grau-weisser Cockerspaniel entgegen gewackelt kommt.

Der kleine Bergfreund nennt sich „Apollo“ und ist mit Frauchen und deren komplett versammelter Kaffeekränzchengruppe unterwegs. Wie sich das für einen echten Bergfreund auch gehört, trägt Apollo sein Futter selbstverständlich selbst in zwei kleinen Hundepacktaschen, die Frauchen auf seinen kleinen Rücken gespannt hat.

Die Steinböcke, die morgens an der Seescharte zu sehen sind, verpassen wir heute leider. Obwohl wir mit bei den ersten waren, die von der Memminger Hütte aufgebrochen sind.

Für die 2600 Meter müsste ich Jan nun wohl auf die Schultern nehmen, aber da ich an meinem Rucksack mehr als genug zu schleppen haben, verzichte ich dankend darauf. Unser Höhenrekord steht sowieso noch an in den folgenden Tagen.

Dank Jan und seinem „wir nehmen ein Handtuch als Unterlage für den verdrehten Gurt, weil der sonst die Schulter abschnürt“-Patent kann ich mein Rucksack-Päckchen aber nun wesentlich besser stemmen als die Tage zuvor. Nichtsdestotrotz schleppe ich eindeutig zu viel Ballast mit mir herum. Ein wenig mehr Bewusstheit für die eigentlichen Bedürfnisse (einer sechstägigen Wanderung) hätten mit das sicherlich das eine oder andere Kilogramm erspart. Ich verbuche das als lehrreiche Erfahrung und nehme mir vor, beim nächsten Mal nicht mehr als 10 Kilogramm zu packen.

Der Aufstieg zu Seescharte war die Kür des Tages. Jetzt folgt die Pflicht: der Abstieg nach Zams, unserem heutigen Etappenziel. Einer unserer Mitwanderer behauptet, dass das einer der längsten Abstiege überhaupt in den Alpen wäre. Uns jedenfalls reichen die folgenden fast 5 Stunden völlig, unabhängig davon, ob es in den Alpen den einen oder anderen noch längeren Abstieg gibt.

Die Oberlochalpe bietet uns nach ca. 2 Stunden eine willkommene Einkehrmöglichkeit, bei der Jan und ich uns bei unserem mittlerweile geliebten Johannisbeerschorle und einem sehr deftigen Speckbrot stärken. Wenn es eine Oberlochalpe gibt, dann ist die Unterlochalpe nicht weit. Allerdings ist diese nur im September bewirtschaftet, so dass wir dort nicht noch ein Schorle geniessen können.

Entlang des Lochbachs geht es immer tiefer und tiefer in Tal. Über uns der perfekte blau-weisse Alpenhimmel. Um uns herum mal Wiesen, mal Wälder. Alles wunderschön und im Grunde wie aus dem Alpenwerbeprospekt. Allerdings ist uns das mit zunehmender Zeit immer weniger wichtig, denn der Abstieg geht sowohl Jan als auch mir so richtig an die Substanz. Die Füsse schmerzen zunehmend, die Knie fangen an zu wackeln und das Kreuz ruft nach dem Etappenziel.

Am dritten gemeinsamen Wandertag kennen wir mittlerweile etliche der Mit-E5ler und so überholen und pausieren wir uns gegenseitig und miteinander. Jeder in seinem Tempo aber kaum einer, dem der stundenlange Abstieg nicht sichtbar zusetzt. Die ganz besonders motivierten haben nach dem Abstieg noch einen weiteren Aufstieg geplant für heute. Da verzichten wir dankend darauf und konzentrieren uns lieber auf den nächsten Schritt, der uns Zams näher bringt.

Gegen 16:00 Uhr haben wir es dann tatsächlich geschafft: wir sind „unten“. Und nach ein paar Minuten entlang des Ortsrandes von Zams werden wir von einem herrlich plätschernden Trinkwasserbrunnen begrüsst, in den wir uns am liebsten direkt legen würden. Zumindest „satt“-trinken können wir uns ohne Probleme.

Und Zams bietet noch eine zweite sehr positive Überraschung zu unserer Begrüssung. Denn am Brunnen sitzt unser ganz privates Zams-Begrüssungskommando in Form von Herrn Gigele. Der uns erst einmal alles Wissenswerte über den Ort, über den weiteren Weg und last but not least über die besten Übernachtungsmöglichkeiten hier in Zams unterrichtet.

Passenderweise natürlich in der Pension seiner Frau Lydia. Bei dem Preis und der Freundlichkeit von Herrn Gigele zögern wir nicht lange, und schon eine halbe Stunde später fühlen wir uns fast wie im „Paradies“. Frisch bezogene Betten, ein gemütliches Sofa und eine herrliche Dusche, die nicht nach wenigen Minuten ihren Warmwasserdienst einstellt.

Fürs Abendessen hat unser Gastgeber natürlich auch einen Tip übrig. Beim „Metzger Schmid“ gibt es nicht nur die besten Schnitzel und wunderbaren Pizzen, sondern wir treffen auch etliche der E5ler wieder. Sogar Apollo und sein Damenkaffeekränzchen haben es nach Zams geschafft. Da hat er sich sein extra-grosses Wasserschale auf jeden Fall verdient. Und das Damenkaffeekränzchen legt nun erstmal einen Ruhetag in Zams ein. Jan und mir schmecken unsere Pizzen „Nach Art des Hauses“ und „Hubertus“ richtig gut, und spätestens nach dem zweiten Radler bzw. Schorle sind wir (fast) wieder bereit für neue Bergwanderertaten.

Auf dem Rückweg zu unserer Pension machen sich unsere Füsse bemerkbar, die jetzt vor allem nur noch eines wollen: hochgelegt werden! Diesen Wunsch erfüllen wir gerne und müde und geschafft schlafen wir in unseren im Vergleich zu der Sardinendose vom Vorabend luxuriösen Betten ein.