Annapurna Round 2010 – Teil 17

17. Tag: Poon Hill – Deorali – Ghandrung
Wer möchte, kann zum Sonnenaufgang in ca. 45 Min. auf den 3.200 m hohen Poon Hill aufsteigen. Ein grandioser Panoramablick umfasst die Eisflanken der Dhaulagiri-, Annapurna- und Manaslu-Gruppe. Auf dem aussichtsreichen Kammweg wandern wir weiter zum Weiler Deorali (3.100 m). Nach dem Mittagessen steigen wir auf schmalen Pfaden in den Rhododendron- und Bambus-Dschungel zu den Häusern von Banthanti ab, um bald danach im Urwald empor zugehen nach Thadapani (2.720 m). Zuletzt geht es steil hinab nach Ghandrung (2.000 m).
Gehzeit: 6 Stunden; Aufstieg: 650m; Abstieg: 1240m;

Um pünktlich zum Sonnenaufgang am Gipfel zu sein, weckt uns Bhim heute schon um 5.00 Uhr. Ich ziehe mich schnell an, vergesse auch meine Stirnlampe nicht und treffe keine 15 Minuten später den Rest der Gruppe vor der Lodge. Eddy und Peter haben sich fürs Ausschlafen entschieden. Der Rest macht sich unter der Führung von Luk auf den Weg zum Gipfel.

Wieder einmal funkeln die Sterne am Himmel und die Sternlampen am Berg um die Wette. Dieses Mal gewinnen jedoch eindeutig die Sterne, nicht zuletzt wegen der Sternschnuppe, die mir den Weg zum Gipfel weist. Noch eine grosse Portion für mein sowieso schon sehr gut gefülltes Glückskonto.

Wir teilen uns den Weg mit etlichen Gruppen, und wieder fühle ich mich an die Alpen erinnert, denn nicht jeder oder jede, den oder die wir auf dem Weg zum Gipfel überholen macht den Eindruck, länger als 1 oder 2 Stunden wandern zu können.

Wir überholen maulende Teenies, übergewichtige Chinesen und schlichtweg überforderte Mitvierziger aus Frankreich.

Rechtzeitig zum Sonnenaufgang erreichen wir aber dann alle den Gipfel des Poon Hill, der mit seinen 3200 Metern die ideale Aussichtsplattform bietet auf das grandiose 8000-er Panorama um uns herum.

Der zusätzlich errichtete Aussichtsturm, der vielleicht noch 10 Meter höher über uns ragt, ist voll von ungeduldigen Touristen, die die ersten Sonnenstrahlen mit viel Applaus und Johlen begrüssen.

Ich steh ruhig ein wenig abseits und geniesse diese Augenblicke, während denen die Sonne Stück für Stück empor wandert, und einen nach dem anderen Gipfel ins morgendliche Licht taucht.

Nicht erst heute habe ich aufgegeben mir die Gipfel(-namen) zu merken, die nun nach und nach um uns herum auftauchen. Aber braucht alles einen Namen, wenn es einfach nur grandios, wunderschön und beeindruckend ist?

Ich lasse mich alleine, mit Ellen, Wolfgang und Angelika und dann wieder alleine vor und neben dem Gipfel-Schild ablichten, und Volker schiesst noch „das“ Erinnerungsfoto von mir. Unrasiert, dick verpackt mit Mütze, still lächelnd in der Morgensonne.

Mit dem Blick auf die für mich namenlos schönen Berge steigen wir ab und trotz nicht mindert übergewichtigen Chinesen vor uns, sitzen wir Punkt 8.00 Uhr am Frühstückstisch, an dem uns Eddy und Peter schon erwarten. Das „tibetean bread“ schmeckt nach so einem beeindruckenden Morgen-Spaziergang natürlich umso besser und Luk und Bhim kommen kaum nach, uns mit unseren Lieblings-Frühstücksleckereien zu versorgen.

Wir wandern heute ein letztes Mal bergauf. Schnell haben wir Ghorapani verlassen und steigen Stufe um Stufe (da sind sie wieder!) höher. Die Sicht auf den Poon Hill und die imposanten Bergriesen dahinter entschädigt aber spielend für die letzten Höhenmeter, die wir zu bewältigen haben.

Um Punkt 14:50 Uhr ist es dann soweit: wir haben den letzten Anstieg erklommen und von nun an geht es nur noch abwärts. Natürlich nur was die Höhenmeter angeht, die Stimmung könnte besser nicht sein.

Unser Weg führt uns durch einen imposanten Dschungel. Mit moosbewachsenen, riesigen Rhododendron-Bäumen, nicht minder beeindruckenden Bambus-Sträuchern und endlosen Bächen und Wasserfällen.

Ich fühle mich wie in einem Märchenwald und rechne innerlich jeden Moment mit den ersten Zwergen, Kobolden oder Feen. Gibt es Hobbits in Nepal?

Je tiefer wir steigen, desto mehr verschwinden die Berge und Hänge um uns in dichten Nebelschwaden. „Gorillas im Nebel“ kommt mir in den Sinn, und ich nehme mir vor, den Film bald mal wieder einzulegen, wenn ich wieder zuhause bin. Bis dahin treffen wir zwar nicht auf Gorillas aber auf etliche Lemuren, die sich im wahrsten Sinn des Wortes durch die Lüfte schwingen.

Am späten Nachmittag beginnt es dann tatsächlich zu regnen, und da ich meinen Regenschutz schon vor etlichen Tagen in meinen Seesack entsorgt habe, jogge ich die letzten 30 Minuten unserem heutigen Ziel entgegen.

Unsere Lodge erreiche ich dann nach 225 Stufen, die es nach dem Ortseingang zu erklimmen gilt. Nach vielen Tausend Höhenmeter in den letzten Tagen und Wochen aber kein Problem. Sogar joggend.

Nach einer heissen Dusche und dem ersten Bier bin ich bereit für den gemütlichen Teil des Tages. Denn heute wollten wir zusammen mit den Trägern und den Guides ein wenig Abschied feiern. Voneinander. Von den Bergen. Den Tagen unterwegs.

Jeder der Träger und Guides bekommt von uns das wohlverdiente Trinkgeld. Und per Losverfahren verteilen wir unsere Geschenkpakete, in dem wir ausgediente Ausrüstungsgegenstände, restliche Bonbons, unbenutzte und benutzte Socken und Shirts und sogar ein paar Turnschuhe und Bergstiefel zusammengepackt haben.

Vor allem die Träger freuen sich wie die Kinder an Weihnachten. Wohl weil sie sich genau so fühlen. Ich würde zu gerne wissen, wer jetzt mein Jack&Jones Shirt oder die gestrickten, bunten Socken von meiner Mutter, die ich extra in Auftrag gegeben habe bei ihr, trägt.

Zur Feier des Tages gibt es Dhal Bat mit Hühnchen. Schmeckt allen sehr gut und spätestens nach dem 2 oder 3 Bier kann die Party so richtig steigen.

Der Hüttenwirt betätigt sich als DJ und es dauert nur wenige Minuten, bis wir alle zusammen uns zu nepalesischen Popklängen die Müdigkeit aus den Beinen tanzen.

Was für ein schöner Abend. Selbst der Wirt kann sich nicht mehr halten und zeigt uns, wie beweglich der nepalesische Mann auch im mittleren Alter noch sein kann. Von unseren Trägern ganz zu schweigen, die hüpfend und lachend über die Tanzfläche fegen, als ob sie die letzten 16 Tagen auf der faulen Haut gelegen sind.

Wir lassen Wolfgang´s Zigarren aus Kuba kreisen und mit den Trägern stossen wir wieder und wieder auf die letzten Tage an. Ein Abend unter Freunden. Und das im aller, allerbesten Sinne.