Mitten im Epi-Zentrum einer Big Band

Mitten im Epi-Zentrum einer Big Band

Zum Ende des Jubiläumsjahres der Darmsheimer STB Bigband durften sich die Besucher mitten in das Jazz-Orchester setzen. Ist das nun ein Traum oder ein Albtraum: mitten in einer klanggewaltigen Big Band zu sitzen? Einerseits befindet man sich dann im Zentrum des Musikgeschehens. Andererseits könnte es ziemlich laut werden. Beim Jazzkonzert mit der Simply The Best Big Band konnten sich 12 Besucher selbst ein Bild davon machen wie es ist, Teil einer Big Band zu sein.

Von Jan Renz

DARMSHEIM. „ Hautnah“ war das Konzert überschrieben. Näher kann man einer Big Band wirklich nicht kommen.

Der Schreiber dieser Zeilen durfte den Test mitmachen und nahm zwischen vierter Posaune und Schlagzeug Platz. Das Publikum ist ganz weit weg. Der Dirigent vor einem, es ist Django Hödl, macht gar nicht viel, er muss nur wenige Einsätze geben.

Ich sitze also neben Posaunist Karl Mutschler, der in Sulz am Neckar lebt und ehemals Lehrer am Sindelfinger Stiftsgymnasium war. Seine rechte Hand hat er mit einem Tuch umwickelt, weil er sich kurz vor dem Auftritt verletzt hat. Seine Notenblätter sind übersät mit Notizen, umkreist ist das 6/8 bei Miles Davis’ „ All Blues“ . Der Posaunist muss oft Dutzende Takte pausieren, bis er zum Einsatz kommt, manchmal streut er dann nur knappe Motive ein. In so einer Big Band passiert sehr viel. Wenn man zwischen den Musikern sitzt, merkt man deutlicher, wie sie aufeinander reagieren, auch, wenn etwas schief geht. Die Solisten hört man gedämpft,wenn sie ins Publikum spielen, dagegen schmerzt die schneidende Trompetensektion im Rücken. Ob er keinen Ohrschutz brauche, frage ich nach drei Stücken Karl Mutschler, der seit 17 Jahren dabei ist. Nein, in dieser Band nicht, in anderen schon. Diese Big Band lärmt nicht.

Das „ hautnah“ -Konzept wurde von den Mitgliedern entwickelt. Bassist Thomas Moroff erzählt: „ Die Idee wurde während der Probe in der Rhythmusgruppe geboren. Zuerst lachten wir über die Idee, merkten aber gleich, dass dies spannend sein könnte – sowohl für die Zuhörer als auch für die Band.“ Gerd Wurster, einer der 12, die in der Big Band sitzen durften, fühlte sich zwischen den Posaunen wohl: „ Näher dran geht’s wirklich nicht“ , sagte er nachher. „ Ich komme unbedingt wieder und werde dem Django ein Bier ausgeben!“

Mit diesem Konzert im kleinen Saal der Sindelfinger Stadthalle ging für die STB Big Band ein ereignisreiches Jahr zu Ende, in dem das 20-jährige Bestehen gefeiert wurde:

Mit 12 Einzelprojekten in 10 Monaten, Konzertreisen in die Schweiz und an den Bodensee, 13 Konzerten mit 1400 Besuchern. „ Es war ein Jubiläumsjahr mit viel entspanntem Stress“ , sagte Leader Django Hödl. Auf einer Leinwand hinter der Band wurden Videos eingespielt, Grüße von ehemaligen Bandmitgliedern übermittelt, die heute in Texas oder Peking leben, an das denkwürdige Jubiläumskonzert mit Nils Wülker erinnert, dessen Trompetenton noch im Gedächtnis ist.

Die Darmsheimer Band wurde vor zwanzig Jahren gegründet. In den 90ern erlebte die oft tot gesagte Big Band eine unerwartete Renaissance, auch interessierte man sich verstärkt für die Schönheiten der Standards, für das Erbe des Jazz. Das tut auch die STB Big Band. Am Freitag spielte man noch einmal die schönsten Titel des Jubiläumsjahres, Nummern zwischen strahlend und stimmungsvoll, wie „Fever“ oder „Sway“ . Die Band drehte noch einmal richtig auf: Das sonnige „An hellen Tagen“ wurde klangvoll zelebriert. Da es ein „ hautnah“ -Konzert war, durfte „ I’ve got you under my Skin“ nicht fehlen. Pearl Bretter setzte einmal mehr ihre dunkle, agile Stimme ein. Am Ende des langen „ hautnah“ – Konzerts, am Ende des langen Jubiläumsjahres stand nicht nur die Band, sondern auch das Publikum. Und 12 Besucher waren um eine überraschende Erfahrung reicher.

 

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