Annapurna Round 2010 – Teil 9

9.Tag: Yak Kharka
Bald hinter dem Ort teilt sich das Hochtal. Unser Weg führt nordwärts im Kone-Tal zum Thorong La. Weidenbüsche und Strauchwacholder prägen die Strecke durch die alpine Landschaft. Vorbei an Sommersiedlungen wandern wir zum Weiler Yak Kharka, wo wir in ca. 4.000 m Höhe in einer einfachen Lodge übernachten.
Gehzeit: 4h; Aufstieg: 550m;

Am Morgen finden Ellen und ich in Manang tatsächlich einen Briefkasten, in dem wir unsere gesammelten Postkartenwerke zurücklassen. Ich bin gespannt, was davon in Deutschland ankommen wird. Und wann?

Nach dem gestrigen Traumtag lasse ich es heute ein weniger ruhiger angehen. Ich pendle oft zwischen „Vorne“ und „Hinten“, lass mich bis zu Narayan zurückfallen, der wie immer das Schlusslicht unserer Gruppe bildet oder „erstürme“ dann wieder die Spitze, an der sich meist Bhim und Ellen tummeln.

Bei mittlerweile weit über 3500 Meter Höhe lerne ich endgültig die Bedeutung kennen, die sich hinter der „Entdeckung der Langsamkeit“ verstecken mag. Meine Schritte werden langsamer, ich spüre mein Herz pumpen und die Oberschenkel schmerzen bei der einen oder anderen Stufe, die es zu erklimmen gilt.

Spätestens jetzt lasse ich all die Gedanken ziehen, die mich die ersten Tagen noch beschäftigt haben. Wie wird der Neustart bei SAP, wie kommt Jan auf der neuen Schule zurecht, wie kann ich am besten mit dem „Coaching“ loslegen? Ich erlebe mich immer ruhiger und gelassener, und setze in der Tat nur noch einen Fuß vor den anderen. Alles andere kann und muss warten.

Zum Mittagessen probiere ich heute „garlic soup“, die bei den Einheimischen als Geheimtip gegen die Höhenkrankheit gilt. Mir ist das nur recht und zusammen mit meinem geliebten „tibetean bread“ schmeckt es wieder mal wunderbar.

Von den Bäumen, die uns gestern noch ein wenig Schatten gespendet haben, ist nichts mehr zu sehen. Die Felswände um uns herum sind wenn überhaupt nur noch mit niedrigen Büschen oder Moosflechten bewachsen. Wir sind unübersehbar im Hochland angekommen. Zum Glück ist es fast windstill und der Schweiss fließt auch heute in Strömen. Nicht nur wegen der strahlenden Sonne über uns, sondern vor allem wegen der vielen Höhenmeter, die wir Schritt für Schritt bewältigen.

Als wir am frühen Nachmittag in Yak Kharka ankommen, habe ich Kopfschmerzen, die sich aber nach einem „small pot of mint tea“ und einer Aspirin aus Wolfgang´s Hausapotheke schnell wieder verflüchtigen.

In der Höhe sind drei Dinge vor allem zu beachten: 1) Viel Trinken – 2) Mehr Trinken – 3) Und noch ein bisschen mehr trinken. Die Faustregel klingt bei „1 Liter pro tausend Meter“ einfach. Die 4 bis 5 Liter, die wir jetzt aber jeden Tag trinken sollten, sind dann aber doch mehr Pflicht als Genuss für mich.

Nachdem wir uns in unseren sehr einfachen, aber urigen Zimmern „eingerichtet“ haben, ruft Narayan auch schon zum nachmittäglichen Akklimatisationsspaziergang. Wir steigen nochmals gut 200 Höhenmeter am „Hausberg“ der Lodge auf, wobei jetzt Narayan das Tempo vorgibt und dabei getreu dem Motto „weniger ist mehr“ vorzugehen scheint. Aber das fast schon meditative, sehr langsame Gehen tut mir gut, und als wir kurz vorm Abendessen wieder an der Lodge ankommen, fühle ich mich geradezu erfrischt.

Ich weiß jetzt auch, was auf mich und die anderen morgen und übermorgen zukommen wird, denn Narayan hat uns während dem kleinen Spaziergang am Horizont unser großes Ziel, den Thorong La Pass gezeigt. Eingekeilt von schneebedeckten 6000-ern scheint er mir zuzurufen – und ich folge seinem Ruf sehr gerne.

Beim Essen beobachte ich ein wenig Wolfgang, Kristian und Martin. Für die Drei ist es wohl das erste Mal, dass sie zu Dritt so lange reisen, und ich finde es schön zu sehen, wie sie Tag für Tag „enger“ zusammenwachsen. Vor allem Kristina und Martin sind mehr und mehr ein „Herz und eine Seele“. Ich denke an die Tage und Wochen, die ich mit Jan und Luisa in USA erleben durfte, und schicke ihnen im Geiste ein paar Grüße. Ich verspreche mir selbst, dass ich irgendwann auch einmal mit Jan (und Luisa wenn sie denn möchte) im Himalaja wandern werde.

Nach dem Essen, bei dem ich dieses Mal auf „cheese maccaroni“ setze, schaffe ich es innerhalb von wenigen Augenblicken, der abendlichen Gemütlichkeit ein Ende zu bereiten.

Denn beim Aufstehen verliere ich kurz das Gleichgewicht und versuche mich instinktiv am Ofenroher des Kaminofens festzuhalten. Normalerweise hätte ich mich dabei wohl „nur“ böse verbrannt, aber der nepalesische Kaminkehrer hat bei diesem Konstrukt wohl beide Augen zugedrückt, so dass die Kaminrohre mit lautem Getöse in sich zusammenfallen. Dumm nur, dass im Kaminofen vor allem „Yak-Fladen“ vor sich hin glühen, so dass der kleine „dining room“ innerhalb von wenigen Minuten mit dickem , stinkenden Rauch erfüllt ist.

Ich versuche zusammen mit den Träger, die Kaminrohre irgendwie wieder in den Kaminofen zu stecken, aber egal in welcher Kombination wir es versuchen, es fehlen immer ein paar Zentimeter. Am Ende erbarmt sich Luk, schaufelt die nach wie vor glühenden Yak-Fladen in einen Eimer und entsorgt das alles hinter der Lodge. Selten war wohl „shit happens“ treffender, die Wirtin der Lodge scheint das aber alles nicht wirklich zu stören, wohl weil dieses kleine Malheur nicht das erste Mal passiert ist.

Gut geräuchert verabschiede ich mich von Narayan und den Trägern und nach Zähneputzen unterm Sternenhimmel, schlüpfe ich müde in meinen Schlafsack.

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