Annapurna Round 2010 – Teil 8

8.Tag: Ghyaru – Ngawal – Mimgji – Braga – Manang
Nun verengt sich das Tal wieder zu einer Schlucht. Wir folgen dem Pfad auf der östlichen Seite des Flusses, wandern durch schönen Nadelwald und vorbei an einem grünen Weiher. Dann geht es steil hinauf nach Ghyaru. Wir folgen für 2 Std. einem Höhenweg, von dem sich prächtige Aussichten auf den Annapurna Himal bieten, bis zum traditionellen Dorf Ngawal. Unter uns liegt in einer Hochebene, wo Schaf- und Ziegenherden weiden, die Flugpiste von Hongde (3.350 m). Der Abstieg führt nach Mungji, wo wir unsere letzte Brücke über den Marsyandi passieren. Über die Siedlung Braga (3.450 m) wandern wir zum Verwaltungszentrum Manang (3.500 m), einem hübschen Bergdorf mit engen Gassen und dicht gedrängten Flachdachhäusern. Es liegt oberhalb eines Gletschersees, der von den Schmelzwassern der Gangapurna und Annapurna III gespeist wird.
Gehzeit: 6-7h; Aufstieg: 800m; Abstieg: 300m;

Nach einigen Diskussionen beim Frühstück entscheide ich mich zusammen mit Ellen und Volker doch für die „schwere“ Tour entlang des Höhenwegs, und nicht wie der Rest der Gruppe für die „leichtere“ Variante durch das Tal. Narayan hatte uns gestern nach dem Abendessen beide Möglichkeiten vorgeschlagen, nicht ohne zwischen den Zeilen seine Vorliebe für die Tal-Variante durchscheinen zu lassen. Ich vermute, dass die bisherigen 15 Mal, die er die Annapurna-Umrundung geleitet hat, oft genug sind, und er gerne den einen oder anderen Höhenmeter sparen will. Die Panoramen rings herum kennt er sicherlich schon in- und auswendig, da kann ich solche kleinen „Tricks“ ganz gut nachvollziehen.

Nach einem letzten Erinnerungsfoto in der Morgensonne brechen wir alle zusammen auf, um und kurz nach Pisang zu trennen. Der Großteil der Gruppe bleibt links vom Marsyandi, wir überqueren diesen über eine wackelige Holzbrücke. Zusammen mit Luk, der wohl beim Knobeln verloren hat, und uns Drei nun über den Höhenweg führen darf.

Die Sonne strahlt wie all die Tage mit uns um die Wette und wir legen voller Tatendrang ein beachtliches Tempo an den Tag. Am Abend werden wir für die Etappe, die mit 8-10 Stunden veranschlagt ist, nur gut 7 Stunden brauchen.

Vorbei an einem herrlich glitzernden Bergsee steigen wir immer höher und höher Richtung Ghyaru. Vorbei an riesigen Tannen und Fichten und vorbei auch an der einen oder anderen Wandergruppe, die wir links und rechts überholen.

Die 800 Höhenmeter sind dann aber für alle eine echte Herausforderung und als Luk die noch steilere Abkürzung einschlagen will, winke ich ab und nehme mit den weitläufigeren und weniger steilen Serpentinen Vorlieb.

Der Weg erinnert mich ein wenig an unsere erste Wanderung am Bishop´s Peak, die Jan, Luisa und ich zu Beginn unserer Westküsten-Tour bewältigt haben. Ich hab noch Luisa´s „Klagen“ im Ohr, und ihren Stolz, als sie es dann doch geschafft hat. Und das „let´s do the snake“, mit dem sich zwei junge Amerikaner von uns verabschiedet haben am Gipfel.

Diese „snake“, sprich Serpentinen, sind nach gut einer Stunde geschafft, und ich stehe atem- und vor allem sprachlos vor dem unglaublichen Bergpanorama, das sich da vor mir auftut. Das gesamte Annapurna-Massiv scheint zum Greifen nah, die schneebedeckten Gipfel glänzen im Sonnenlicht mit dem tiefblauen Himmel um die Wette, und tief unten im Tal kann ich den Weg erahnen, den unsere Mitwanderer vor sich haben.

Die Kinder aus dem Dorf, die mich umringen, haben, wenig überraschend, kaum Augen für diese grandiose Natur. Sie interessiert wieder mal viel mehr der kleine Bildschirm an meinem Foto und vor allem die Nüsse und Rosinen, die ich mir als kleine Stärkung aus meinem Rucksack gefischt habe.

Ich teile gerne, und zusammen sitzen wir für ein paar Minuten in der Sonne. Beim Anblick der 5 Kinder, die sich zu mir gesellt haben, denke ich mit einem Grinsen an viele allzu vorsichtige und penible Mütter daheim in Deutschland, denn dass Kinder „Dreck“ nicht notwendigerweise schadet, beweist jedes von ihnen auf sehr anschauliche Weise. Die Gesichter sind dreckverschmiert und nur die Zähne blitzen weiss hervor. Die „Rotzfahnen“ sind eine Wucht, und nehme es mit jeder der Gebetsfahnen auf, die über uns im Wind tanzen.

Jetzt ist es Zeit für ein Erinnerungsfoto mit Ellen und Volker, und ein wenig wiederwillig verabschieden sich die Kinder von mir und halten nach dem nächsten „Opfer“ Ausschau.

Luk hat da schon seinen Rucksack aufgesetzt, ein untrügliches Zeichen, dass wir weitergehen. Wir folgen den nächsten Stunden dem Höhenweg, und für den Fall, dass ich für einen Moment vergessen haben sollte, wo ich mich gerade befinde, reicht ein kurzer Blick nach links auf das nach wie vor von der Sonne beschienene, weiß glänzende Annapurna-Massiv. Grandios. Wunderschön. Atemberaubend. Ganz ohne Zweifel mein bisheriger Höhepunkt unserer Annapurna-Umrundung.

Zur Mittagszeit machen wir Rast in einer kleinen Lodge. Auf Luk´s Empfehlung bestellen wir alle drei Dhal Bat, das nepalesische Nationalgericht mit Reis (Dhal) und Linsensuppe (Bat), sowie allem Gemüse, das gerade wächst und gedeiht. In unserem Fall eine sehr schmackhafte Spinat-Variante und gedünstete Rüben. Schmeckt uns allen sehr gut, und wir werden Dhal Bat in den nächsten Tagen noch öfters in den unterschiedlichsten Ausprägungen kosten dürfen.

Nach dem Essen setzt sich die „Senior-Chefin“ des Hause zu uns. Man sieht ihr auf den ersten Blick an, dass sie schon viele Jahre hier in den Bergen lebt, in einschlägigen Romanen würde man wohl von einem „wettergegerbten“ Gesicht sprechen. Mir fällt es schwer ihr Alter zu schätzen, sie wirkt aber bei all ihrer Gebrechlichkeit sehr zufrieden und lächelt uns völlig zahnlos (!) glücklich an.

Ich kann mir beim Blick auf das Annapurna-Massiv wesentlich weniger schöne Orte vorstellen, an denen ich alt werden möchte.

Nach weiteren 3 Stunden, die wir weitgehend schweigend auf dem Höhenweg zurücklegen, treffen wir in Braga den Rest der Gruppe wieder, die nach einer sehr, sehr ausgedehnten Mittagspause gerade auf dem Weg ins örtliche Kloster sind.

Wir entschieden uns direkt nach Manang weiterzumarschieren, und die letzte Stunde entlang des Flusses vergeht wie im Fluge.

Am Ortseingang sehe ich die ersten zwei Fussballtore der gesamten Reise und wie in einem FIFA-Werbefilm empfängt uns ein kleiner, ballspielender Junge, mit dem ich natürlich gleich mal ein wenig Elfmeterschiessen übe.

Manang ist eine richtige, kleine Stadt mit vielen Geschäften, unzähligen Hotels und Lodges, einer Wäscherei, natürlich einem Internet-Café, einem Schuhmacher und einem großen Markt.

Wir sind in einem imposanten mehrgeschossigen Hotel untergebracht, das mich mit einem „attached bathroom“ überrascht, also einem Bad, das direkt vom Zimmer aus erreichbar ist, und nur von Wolfgang und mir benutzt wird. Nichtsdestotrotz ist die Dusche allenfalls lauwarm und der Abfluss scheint beim Bau vergessen worden zu sein, jedenfalls verwandelt sich der kleine Raume während meiner Dusche in ein Plantschbecken.

Nach diesem Traumtag kann mich das aber nicht schocken, und ich setze mich frisch geduscht in die Sonne, trinke „mint tea“, schreibe ein paar Zeilen, und bestaune das Spektakel, das sich jetzt vor unserem Hotel ereignet.

Denn also ob jemand die „Fasnets“-Hexen aus dem Schwäbischen nach Nepal exportiert hat, tauchen auf einem Male unzählige, wirklich furchterregend maskierte Männer und Frauen auf, die mit viel Geschrei und Getöse, die herbeieilenden Kinder erschrecken. Das ganze entwickelt sich innerhalb von Minuten zu einem regelrechten Umzug. Von allen Seiten kommen die Einheimischen und Touristen angeströmt, um sich dieses „Tohuwabohu“ anzuschauen. Da wird auf großen Trommeln und Fanfaren laut musiziert, werden wilde Tänze aufgeführt und am Ende in einem Feuer große Puppen verbrannt.

Narayan erklärt mir später, dass es sich dabei, wieder mal um die Vertreibung von bösen Geistern handelt. Vor allem aber um eine große Party, die bis spät in die Nacht in ganz Manang auch lautstark gefeiert wird.

Langsam verschwindet die Sonne hinter vielzitierten Bergen, und ich bin fast ein wenig benommen von der unglaublichen Schönheit der Natur, die ich heute erleben und durchwandern durfte.

Ich fühle mich fast schon ein wenig „heimisch“ hier in Nepal. Denn bei aller Fremdartigkeit ist mir vieles auch auf eine für mich ganz überraschende Weise vertraut. Ich genieße sehr die Kontakte mit den Einheimischen, das Erkunden der Orte, in denen wir rasten. Diese „Reiselust“, das Interesse an anderen Kulturen und Ländern kenne ich so von mir noch gar nicht so lange.

Mir fallen die ersten Reisen nach Israel ein. Und wie schnell ich immer wieder dorthin zurück wollte, und wie oft mir die Kollegen dort gesagt haben, dass ich mehr Israeli als Deutscher bin. Wer weiss, wo ich in einem vorherigen Leben gelebt habe?

Ich klopfe mir mal wieder im wahrsten Sinne des Wortes selbst auf die Schultern und bin sehr dankbar, das alles erleben zu dürfen.

Nachdem sich auch Ellen und Volker in ihren „attached bathrooms“ erfrischt haben, gehen wir zusammen die wenigen Schritte nach „downtown“ Manang. Hier lacht das Herz eines jeden Souvenirjägers, und nach kurzer Zeit sind wir alle drei mit wunderbar warmen nepalesischen Wollmützen, Gebetsfahnen und nicht zu vergessen: frischem Klopapier ausgestattet.

Zurück im Hotel ruft Narayan auch schon zum Abendessen, und ich lass heute Reis und Kartoffeln links liegen, und gönne mir einen „veg lasagne“. Schmeckt wirklich lecker und ist ne prima Abwechslung zu „fried rice“ oder „fried noodles“.

Kurz vorm Schlafengehen klettere ich über eine wackelige Leiter aus Dach des Hotels und bestaune ein paar Minuten den Sternenhimmel, der meinen Eindrücken vom Tag nur wenig nachsteht.

Die Party ist unüberhörbar noch in vollem Gange, ich freue mich da auf meine Ohrstöpsel und krieche erfüllt von einem wahren Traumtag in meinen Schlafsack und schlafe höchst-zufrieden ein.

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