Annapurna Round 2010 – Teil 7


7. Tag Bharatang – Pisang
In Chame wechseln wir zur rechten Talseite und wandern über Bharatang (2.900 m) weiter. Wieder am linken Flussufer geht es durch lichten Fichten- und Föhrenwald teils steil bergan. Wenn wir aus dem engen Tal zum Ort Pisang (ca. 3.300m) hinaufgehen, eröffnet sich eine herrliche Aussicht auf die imposante Gipfelsilhouette der Annapurna II und den Pisang Peak (6.091 m).
Gehzeit: 5h; Aufstieg: 750m; Abstieg: 150m;

Für alle aus der Gruppe, die schon einmal im Yosemity National Park gewandert sind, ist die heutige Etappe ein wahres Déjá-vu.

Fichten und Kieferwälder, ein weiter Blick, teils steile Auf- und Abstiege. Das Blau am Himmel und das Grün der Bäume, das alles erinnert auch mich sehr an die Tage Anfang September, als ich mit Jan und Luisa auf dem Camp4 Campground die letzen Tage in den USA genossen habe, bevor wir über San Francisco und Houston wieder zurück in die Heimat geflogen sind. Kaum zu glauben, was ich in den letzten knapp einhundertdreissig Tagen alles erleben durfte.

Und obwohl der heutige Tag weit weniger anstrengend ist, als die letzten Tage, spüre ich doch, dass ich mich mittlerweile auf über 3000 bewege. Die Schritte werden langsamer, ich bin schneller ausser Atem und über die regelmässigen Pausen, die Bhim oder Luk „anordnen“, nehme ich gerne wahr. „Die Entdeckung der Langsamkeit“ kommt mir in den Sinn, besser kann ich meine ersten Erfahrungen mit der Höhe nicht beschreiben.

Nach der Mittagspause, die wir übrigens im „Hotel Adlon“ genießen durften, taucht recht schnell Pisang, unser heutiges Etappenziel am Horizont auf. Rechts leicht erhöht Upper Pisang mit dem Kloster, das wir vor dem Abendessen besuchen werden, links im Tal Lower Pisang, in dem wir unsere Lodge beziehen werden. Es dauert dann aber noch über zwei Stunden Stunden, bis wir Pisang wirklich erreicht haben.

Ich finde es immer wieder bemerkenswert, wie weit man kommt, wenn man einfach nur jeden Tag ein paar Stunden zu Fuß durch die Landschaft wandert. Der eine oder andere Blick zurück ins Tal, aus dem wir kamen oder den Berg hinunter, den wir gerade bestiegen haben, macht mich zugegebenermaßen auch stolz und zufrieden.

Unsere heutige Lodge liegt zwar in Lower Pisang, aber nachdem wir die gefühlten 150 sehr steilen Holzstufen zur Lodge erklommen habe, fühle ich mich eindeutig in Upper Pisang. Der grandiose Panoramablick von der Terrasse direkt vor unserem Zimmer auf die gegenüberliegende Berge, entschädigt dann aber für jede einzelne Stufe und ich sitze nach unserer Ankunft erstmal für ein paar Minuten ganz still und lass diese Bilder auf mich wirken.

Der Abendspaziergang zum Kloster in Upper Pisang ist dann ein richtiger Appetitanreger und macht mir Lust auf meine „veg noodle soup“ und die fried potatos“, die ich mir heute bestellt habe.

Die Gebetsfahnen wehen im Wind, die untergehenden Sonne sorgt für das richtige (Gegen-) Licht und die wenigen Strahlen, die durch das große Tor in das Kloster dringen, tauchen die Wandbilder und goldenen Statuen in ein herrliches Licht. Da brauche ich weder Blitz noch Rauschunterdrückung – die Fotos entstehen fast von ganz alleine.

Der buddhistische bzw. tibetische Einfluss auf „Land und Leute“ ist nun nicht mehr zu übersehen. Die Gebetsmühlen an jedem Ortseingang, die vielen Steinansammlungen, meist kunstvoll aufgetürmt oder mit faszinierenden Schriftzeichen versehen. Die Stupas, mal klein und unscheinbar, mal groß und strahlend weiss. Und nicht zu zuletzt die Einheimischen, die „asiatischer“ aussehen in meinen Augen. Leicht geschlitzte Augen, ausgeprägtere Wangenknochen. Aber uns immer noch sehr freundlich und offen begegnen.

Nach der Rückkehr vom Kloster setze ich mich zu den Trägern, die sich um den Kaminofen im „dining room“ drängen. Nur mit Mühe gelingt es mir, sie zum Bleiben zu überreden. Ich stell mich gerne auch „in die zweite Reihe“, schließlich haben die Träger die anstrengendes Aufgabe von uns allen. Leider können sie kaum oder gar kein Englisch, so dass es all die Tage meistens nur bei einem „How are you?“ oder dem Austausch von Namen bleiben muss.

Gleich kommt das Essen und wie immer haben wir die „freie Auswahl“ aus 2 bis 3 Gerichten, die sich um „noodles“, „rice“ und „potatos“ drehen. Die Lodges bieten im Grunde alle das gleiche „Programm“, und oft ist sogar die Speisekarte die gleiche. Wie ich später von Narayan erfahre, ist das dann die „offizielle“ und vom nepalesischen Touristikverband autorisiere Version, inklusive genehmigter Preise. Auch in Nepal hat also die Bürokratie Einzug gehalten. Vielleicht als Ergebnis der langjährigen deutsch-nepalesischen Beziehungen, die gerade ihr 50-jähriges Jubiläum feiern?

Bhim und Luk betätigen sich wie all die Tage als sehr umsichtige Kellner und versorgen uns alle mit unserem Abendessen. Und Narayan passt wie immer auf, dass auch jeder das Essen bekommt, für das er sich beim Bestellen entschieden hat. Er kümmert sich wirklich vorbildlich um unser (leibliches) Wohl. Nicht zuletzt sicher auch um am Ende nur positive Bewertungen von uns zu erhalten. Aber die wird er auch bekommen denke ich für mich.

Nach dem Abendessen und dem heutigen Snickers mit Ellen verabschieden sich Barbara und David wie immer als erstes. Wolfgang und Kristina bringen Martin seit einigen Tagen Skat bei „bis es richtig fetzt“ und Eddy und Peter fachsimpeln wie so oft über die richtige Belichtung und Verschlusszeit.

Da setzte ich mich gerne zu Narayan an den Kamin, und wir plaudern über Familie (-nplanung) auf nepalesisch, und ich bin überrascht über seine Offenheit bei diesem Thema.

Sex vor der Ehe ist kein Thema. Ist man(n) dann verheiratet, wird in der Regel nicht allzu lange mit dem Nachwuchs gewartet. Und bei ein bis drei Kinder, lässt sich der Mann dann oft einfach sterilisieren (wobei es dafür sogar eine kleine Prämie von Staat gibt, der damit wohl die Geburtenrate niedrig halten will). Einzig in ländlichen Regionen oder wenn noch kein Sohn geboren wurde, kann es auch mehr Kinder geben.

Der Sohn ist sehr wichtig! Als Versorger der Eltern im Alter, als Erbe des Hofes, als Stammhalter. Töchter werden verheiratet oder gehen ins Kloster. Der Sohn zählt ungleich mehr. Er ist es auch, der bei einer Bestattung eines Elternteils die wichtigsten Pflichten und Rituale durchführen muss, und der Sohn ist es auch, der danach 13 Tage lang mit rituellen Waschungen, kahlgeschorenem Kopf und vielen Stunden Meditation trauert.

Kurz vor dem Schlafengehen komme ich noch mit Ritu ins Gespräch, die sich neben mir am Kaminofen wärmt. Sie ist mit einer indischen Reisegruppe unterwegs und sogar Mitglied im Vorstand des indischen „Alpen-verein“. Sie kennt München und Frankfurt, war wohl auch schon in den deutschen Alpen unterwegs, findet die Mount Everest Region schöner und komfortabler als die Annapurna-Umrundung und lässt mit dem einen oder anderen Nebensatz ihre abschätzige Haltung den Nepalesen gegenüber durchblicken.

Inder und Nepalesen scheinen keine Freunde zu werden, denn ich erinnere mich in diesem Moment an Narayan´s Ausführungen über Indien im allgemeinen oder indische Trekking-Gruppen. Zumindest in der gegenseitigen Antipathie scheinen sich sie sich dann wieder einig zu sein.

Ritu´s Gruppen wird von einem Arzt begleitet, der täglich Blutdruck und Sauerstoffgehalt im Blut aller Gruppenmitglieder misst und in einem beeindruckenden Schaubild festhält. Diese Gelegenheit ergreife ich beim Schopfe und lass mir das kleine Messgerät an den Finger stecken. Zwei Minuten später bin ich beruhigt: 98% Sauerstoffgehalt im Blut und ein Ruhepuls von 70. Ich bin bereit für die nächsten Höhenmeter.

Mit dieser positiven Erkenntnis verabschiede ich mich kurz nach Neun von Ritu und nach ein paar Minuten auf der Terrasse und dem nächtlichen Mond-beschienenen Panorama, krieche ich in meinen Schlafsack und widme mich noch ein paar Seiten dem „Schatten des Windes“, bevor ich mit viel Sauerstoff im Blut und einem angenehmen Ruhepuls einschlafe.

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