Annapurna Round – Teil 6

6. Tag Latamarang – Chame

Wir halten uns am linken Ufer des Marsyandi, kommen durch Mischwald und vorbei an Feldern und Obstplantagen. Wir queren Seitenbäche und durchlaufen kleine Siedlungen. Auf und ab geht es über das Dorf Latamarang (2.450 m) bis zum 2.650 m hohen Verwaltungsort Chame.
Gehzeit: 6h; Aufstieg: 900m; Abstieg: 150m;

Auf 2700 Meter wird es am Abend langsam kalt, wie gut dass ich im „dining room“ vor einem gutbeheizten Kaminofen sitze und meine müden Beine mit der Wärme ein wenig verwöhnen kann. Jetzt noch ein guter Rotwein, und ich würde mich fast wie zu Hause fühlen. Doch die Kaminabende auf dem Sofa zuhause kommen noch früh genug, im Augenblick bin ich auch so wunschlos glücklich.

In Charme, unserem heutigen Zielort, habe ich ein „highspeed“ Internet-Café gefunden und die Gelegenheit für ein paar Zeilen an die Zuhausegebliebenen genutzt. Ich finde die Kontraste, die uns Nepal immer wieder bietet, jedes Mal auf neue spannend und faszinierend.

Charme ist einerseits „Verwaltungsort“ und in der Tat „größer“ als die Dörfer der letzten Tage. Andererseits laufen auch hier überall Hühner, Hunde und Kühe auf der Straße. Ist die Straße mehr Trampelpfad als Weg und bei Regen während der Monsunmonate im Sommer sicherlich eine einzige Schlammwüste.

Das Internet-Café liegt gut versteckt hinter einem Hühnerstall, ich trage eine warme Mütze weil es keine Heizung gibt, und von Draussen dringt Eselsgeschrei in den kleinen, kaum erleuchteten Raum. Aber die Verbindung „steht“ und ist wirklich schnell, und wie bei uns drängen sich am Nebentisch die Kinder vor dem Monitor und spielen.

Nach unserer Ankunft und der dieses Mal kalten Dusche, sitze ich wieder mit Narayan zusammen in der Küche und bewundere ein weiteres Mal die Kochkünste der Einheimischen. Da wir am heutigen Abend nicht die einzige Gruppe in der Lodge sind, müssen über 30 Essen gekocht und hergerichtet werden. Wie auch gestern auf einer einzigen Feuerstelle, dafür aber mit vielen Töpfen und Pfannen, in denen die 2 Köche gekonnt Reis, Kartoffeln, Suppen oder Nudeln zubereiten.

Nach nach nach setzten sich ein paar Träger zu uns, und die Chefköchin bekommt Besuch von Freundinnen aus dem Dorf. Da wird nun viel getrascht, gelacht und erzählt. Ich weiß natürlich nicht worum es geht, aber ich sitze stumm dabei und genieße die entspannte und freundliche Atmosphäre, die jetzt in der Küche herrscht. Ob in Nepal die besten Parties auch in der Küche stattfinden?

Heute mussten wir 800 Höhenmeter bewältigen, ich fühle mich aber immer noch gut, das Knie schmerzt ein wenig und die Schultern gewöhnen sich nur langsam an das tägliche Tragen des Rucksacks, aber im Großen und Gazen kann ich mich wie immer auf meinen Körper verlassen.

Morgen geht es endgültig ins Hochland über 3000 Meter, und ich bin sehr gespannt, wie ich auf die Höhe reagieren werde. Bei dem einen oder anderen Gespräch innerhalb der Gruppe habe ich schon zahlreiche „Schauermärchen“ gehört. Und ich denke auch, dass man „die Höhe“ nicht unterschätzen darf, aber wie immer bei „Schauermärchen“ sollte man sich doch erstmal selbst ein Bild machen. Und genau das werde ich ab morgen auch ganz entspannt tun.

Ich überlege mir, wo mein bisheriger Höhenrekord liegt. Die Wanderungen in den Dolomiten gingen sicherlich auch über die 3000 Meter. Oder doch nicht? Spätestens bei der Überquerung des Thorong La werde ich dann auf jeden Fall einen neuen „Rekord“ aufstellen. Wobei es mir darauf sicherlich nicht ankommt. Und es trotzdem schon etwas Anziehendes hat, die „Jagd nach den Höhenmetern“. Ich finde es bezeichnend, dass die Einheimischen von sich aus wohl nie auf die Idee gekommen wären, die Berge ringsherum zu besteigen. Erst die „zivilisierten“ Westler mit ihrer „Schneller, Höher, Weiter“ Mentalität war nötig, um daraus einen Sport bzw. eine ganze Industrie zu machen.

Bis heute ist übrigens der Matchepuschara „unbestiegen“, denn dort oben wohnt Buddha, und darf nicht gestört werden. Vielleicht würde er sich nach all den Jahren aber auch über Besuch freuen?

Unser Weg führte uns heute vor allem durch teils recht dichte Nadelwälder. Manchmal fühlte ich mich fast wie zuhause im Schwarzwald, einzig die schneebedeckten Riesen um uns herum, passen da nicht so recht ins Bild. Wie immer treffen wir in jedem Dorf oder Hof auf neugierige Kinder, die neugierig aufs Fotografieren sind. Vor allem Luftballons finden sich auch sehr spannend und ich nehme mir vor, bei meiner nächsten Reise auf jeden Fall eine große Packung davon einzupacken. Gesünder als Bonbons sind die alle mal.

Unterwegs haben wir Holzfäller bei ihrer Arbeit beobachtet, die mit reiner Muskelkraft, viel Erfahrung und Präzision und „last but not least“ riesigen Sägen, Bretter und Balken aus den Stämmen sägen. Mich beeindruckt die Exaktheit und Genauigkeit, mit der sie arbeiten. Der Stapel Bretter, der am Wegrand auf die Abholung wartet, sieht jedenfalls für mich nicht nach Handarbeit, sondern nach maschineller Säge aus.

Während dem Abendessen fällt wieder mal der Strom aus. Dank unserer Stirnlampen, die wir abends immer bei uns haben, ist das kein Problem, das uns vom Essen und Trinken abhalten kann.

Einzig die Träger, die sich vor einem kleinen Fernseher zum „Bollywood“-Schauen versammelt habe, müssen sich ein wenig gedulden. So muss das früher gewesen sein in Deutschland denke ich mir, als noch nicht jeder Haushalt mindestens einen Fernseher hatte. Ich erinnere mich an die Erzählungen von meinen Vater, wie damals zum Beispiel beim Weltmeisterschaftsfinale 1954 zusammen vor einem Fernseher mitgefiebert wurde. Und wenn ich mir die „Public Viewing“-Feste der letzten Jahre oder auch den tullafilmclub.de anschaue, geht der Trend ja eindeutig wieder zum gemeinsamen gucken. Der Mensch ist wohl doch ein Gruppentier!?

Neben uns sitze eine österreichische Gruppe, den den Pisang Peak erklettern will. Mit dabei ist auch der erste Österreicher, der den Mount Everest bestiegen hat. Den Namen kann ich mir nicht merken, und Autogrammwünsche gibt es auch keine. Wohl doch kein Reinhold Messner.

Heute ist beim Nachtisch wieder mal ein Mars dran, dass ich mir auch heute ganz brüderlich mit Ellen teile. Danach noch ein „mint tea“ vor dem Kamin und ich bin bereit für meinen Schlafsack.

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