Annapurna Round 2010 – Teil 3


3.Tag Mugling – Besisahar – Khudi – Bhulbhule
Auf unserer 6- bis 7-stündigen Fahretappe im Kleinbus (ca. 200 km) überqueren wir zuerst den 1.500 m hohen Thankot-Pass, ehe es in vielen Serpentinen ins Trisuli-Tal hinabgeht. Die teils holprige, teils modern ausgebaute Straße folgt dem unter Raftern beliebten Fluss durch ständig wechselnde Szenerien bis Mugling. Nun folgen wir dem Marsyandi Khola talaufwärts bis Besisahar und weiter nach Bhulbhule. Hier steigen wir um in Jeeps, die uns zum Ausgangspunkt unseres Trekkings bringen. Wir übernachten in Sangye in einer einfachen Lodge.
Fahrzeit: 7-8h; Fahrstrecke: 200km; Gehzeit: 3h, Aufstieg: 200m; Abstieg: 0m

Nach einer mehr durchwachten als durchschlafenen Nacht bin ich froh, als die Uhr mir kurz nach 6 Uhr sagt, dass ich „endlich“ aufstehen darf.

Die Gedanken an die anstehenden Trekkingtage und damit verbundenen Abenteuer und Herausforderungen habe mich wohl wach gehalten. Zudem mir auch die Zeit nach meiner Auszeit in den Sinn gekommen ist, und ich mir noch gar nicht vorstellen kann, wieder Tag für Tag im Büro zu sitzen.

Die abwechslungsreichen Tage während meiner Auszeit werde ich sicherlich vermissen, wobei ich auch gespannt bin, ob und wie ich aus dieser für mich sehr eindrücklichen Erkenntnis Konsequenzen ziehen werde. Wer sagt denn, dass ich auch in Zukunft „der SAP“ die meiste Zeit meines Tages widmen werde? Es gibt doch jenseits der „harten Entscheidungen“ auch sehr viele „Sowohl als auch“-Optionen wie z.B. Teilzeit, die mir offenstehen.

Jetzt geht es aber erstmal zum „Continental Breakfast“, bei dem ich auch den Rest unser Truppe treffe. Die allgemeine Anspannung ist schon ein wenig zu spüren, trotzdem schmeckt allen das „boiled“ oder „scrumbeld egg“, der frischgepresste Saft, das Müsli oder die „süßen Teilchen“, die mich an viele, viele Frühstücke in schicken Hotels in Tel Aviv erinnern (dann meist mit Blick aufs Meer).

Nach einem ausführlichen Frühstück, sind die restlichen (Wander-) Utensilien schnell gepackt, und ich sortiere auf die Schnelle noch etliche Kilos aus, die im Hotel bleiben. Warum habe ich nur eine Mehrfachsteckdose mitgenommen und gleich drei (!) Stromadapter? Und die große Flasche Shampoo stört an Ende auch nur. Raus damit. Mein Träger wird mit jedes Kilo danken denke ich. Schließlich muss ich mich in den nächsten 16 Tagen „nur“ mit meinen Tagesrucksack „rumschlagen“ – die Hauptlast tragen im wahrsten Sinne des Wortes unsere Träger.

Vor dem Hotel wartet schon unser Bus mitsamt unserer Mannschaft bestehend aus Kumar, dem „Chief Guide“, Luk und Bhim, den „Assistance Guides“ und den 7 Trägern.

„Meiner“ wird „Michael“ genannt, weil seine Frisur wohl irgendwie der von Michael Jackson ähnelt. Diese Ähnlichkeit bleibt mir zwar verborgen aber Michael wird in den nächsten Tagen und Wochen sehr zuverlässig und hilfsbereit immer zur Seite sein, wenn ich ihn brauche. Wie ich später von ihm erfahre, ist er mit 38 Jahren der (dienst-) älteste unter den Trägern, und mit 5 Kindern sicherlich auch der Kinderreichste. Wie die meisten der Träger ist Michael „nebenberuflich“ Bauer und bestellt seine Felder, wenn er nicht gerade 30-50 Kilogramm Touristengepäck durch den Himalaja trägt.

Und um Missverständnisse von Vorneherein auszuschließen: die 30-50 Kilogramm sind nicht mein Gepäck alleine – ein Träger trägt jeweils das Gepäck von 2 Touristen. Und da ich mit Wolfgang schon das Zimmer teile, „teilen“ wir uns der Einfachheit halber auch Michael.

Nach wenigen Minuten ist alles Gepäck auf (!) dem Bus verstaut, und nach einigen Rochaden innerhalb des Busses finden wir auch tatsächlich alle mitsamt der Mannschaft einen Platz in unserem Bus.

Die Rückbank teilen sich unsere Träger, die bis auf Michael durchweg noch sehr jung sind, so dass die Rückbank mehr nach „Schulausflug“ denn Annapurna-Umrundung aussieht. Nach wenigen Minuten sind die meisten von ihnen auch schon eingeschlafen, sie werden ihre Kräfte noch brauchen in den nächsten Tagen.

Ich sitze alleine, und so kann ich mich ganz entspannt den Bilder widmen, die an unserem Bus vorbeiziehen. Der Verkehr ist im Vergleich zu gestern nicht weniger geworden, ich entdecke bemitleidenswerte Verkehrspolizisten, die sich unerschrocken auf dichtest befahrenen Kreuzungen stellen, und mit lautem Trillerpfeifen (recht erfolglos) versuchen, die unzähligen Autos, Busse und Mopeds in irgendeiner Form zu lenken. Ampeln gibt es keine und so gilt wohl vor allem das Gesetzt des Stärkeren. Unser Busfahrer tut zusammen mit der Bushupe alles, um dabei nicht als Verlierer zu enden.

Langsam aber stetig verlassen wir Kathmandu und fahren in vielen Kurven „aufs Land“. Nach und nach löst sich auch der Nebel auf, und mit einem Male leuchtet auch die Sonne und lässt das satte Grün um uns herum erstrahlen.

Auf dem Thankot-Pass taucht zum ersten Mal das Annapurna-Massiv auf, und voller Begeisterung zücken wir alle unsere Fotos. Die Mannschaft grinst da nur wohlwollend, denn sie wissen wohl zu genau, dass wir in den nächsten Tagen ungleich eindrucksvoller Sichten auf Annapurna und Co. haben werden.

Nach ca. 4 Stunden steuern wir eine „Raststätte“ an, natürlich ohne „Sanifair“-Toiletten, dafür aber mit unzähligen Ständen übervoll mit frischen Bananen, Äpfeln, Nüssen und anderen Leckereien. Ich koste von Zwergbananen, die es bis auf die Größe mit jeder Banane von Lidl, Aldi und Co. aufnehmen können.

Nach weiteren 2 Stunden kommen wir in Besisahar an, dem Ausgangspunkt unserer Trekking-Tour.

Bevor wir uns im besten Sinne des Wortes „auf den Weg machen“ gibt es noch ein Mittagessen, das sich so in den nächsten Tage noch etliche Male wiederholen wird. Es gibt z.B. „veg noodle soup“ (mein eindeutiger Favorit in all den Tagen), „fried potatos“ sowie „fried noodles“ oder natürlich auch ein „curry rice“. Dazu „black tea“ oder wer sie sich verdient hat eine „Coke“.

So gestärkt fühlen wir uns bereit, und mit viel Lachen und Optimismus schultern wir unsere im Vergleich zu den Träger doch bescheidenen Lasten. Schnell noch ein paar Kinder fotografiert, die sich wie die Schneekönige freuen, sich selbst im kleine Display des Fotos zu sehen, und schon haben wir Besisahar verlassen, und wandern entlang dem Marsyandi Khola. Dessen Rauschen wird uns die ersten Tage unsere Tour begleiten und dem einen oder anderen auch ein wenig den Schlaf rauben.

Ich bin wie immer auf Reisen für alle Eventualitäten mit Ohrstöpsel versorgt, die mich nicht nur vorm Flussrauschen, sondern auch von Hundegebell, Eselsgeschrei und all zu aktiven Hähnen bewahren werden.

Die ersten Stunden „on tour“ führen uns durch viel Grün: Reisfelder wohin man schaut. Die Dörfer wirken für mich wesentlich freundlicher als das „dreckige“ Kathmandu, die Einheimischen erwidern meist sehr freundlich und offen unser „Namaste!“ und die Kindern wollen meist ganz ohne mein Zutun fotografiert werden.

Die Gespräche kreisen um vergangene und zukünftige Wanderungen, Beruf und Familie und eher ich mich versehe, sind wir nach der Überquerung einer letzten Hängebrücke schon am Ziel unserer ersten Etappe: Bhulbhule, in dem wir eine gemütliche Lodge direkt am Fluss beziehen.

Und als ob wir in den Alpen unterwegs sind, gibt es ein kühles Everest-Bier zur Begrüßung. Hochgeschleppt von Träger, die einfach alles mit sich schleppen, und dabei wohl bis zu 80 Kilogramm „stemmen“. Und das oft nur in Flip-Flops oder sogar barfuß. Da ist es natürlich nur verständlich, dass mit zunehmender Höhe die Preise für Wasser oder das „Feierabend-Bier“ langsam aber steig steigen. Da brauche ich gar keinen Höhenmesser um am Abend zu überprüfen, ob wir wieder ein paar hundert Höhenmeter geschafft haben. Ein Blick auf die Getränkepreise genügt vollkommen als Beweis.

Die Lodge überrascht mich mit einer zwar etwas gewagten aber doch funktionierenden Dusch-Konstruktion, unter die ich mich gerne stelle, zumal das Wasser wirklich warm ist. Der Tag war schließlich heiß und schwül und der Schweiss ist nicht nur bei mir in Strömen geflossen. Wie in den meisten Lodges, die wir noch besuchen werden, ist die Dusche und das (Steh-) Klo in einem einzigen Kämmerchen untergebracht. Längere „Sitzungen“ verbieten sich da schon fast von alleine, die anderen wollen sich schließlich auch noch „frisch“ machen.

Das Abendessen setzt sich aus Suppe und Nudeln, Reis oder Kartoffeln zusammen. Das Schnitzel muss warten, bis ich wieder in Deutschland bin. Aber wie eigentlich während der gesamten Tour schmeckt alles wunderbar und meinem Magen scheint es auch zu bekommen. Als Nachtisch noch ein SCHnickers oder Mars, das auch dem schon erwähnten Höhenpreisfaktor unterliegt, aber Abend für Abend schmeckt.

Danach erklärt uns Narayan noch die Besonderheiten für den nächsten Tag und so langsam denken die meisten dann auch schon ans Schlafen gehen. Und das kurz vor Neun. Aber auch ich bin müde und freue mich auf meinen Schlafsack.

Ich setzte mich aber noch ein wenig aufs Dach der Lodge, auf dem sich das Rauschen des Marsyandi Khola mit dem Zirpen unzähliger Grillen vermischt. Am Himmel tauchen die ersten Sterne auf und ich klopfe mir mehr als einmal selbst auf die Schultern: Cool, dass ich das alles erleben darf.

Müde und mit mir und der Welt zufrieden, krieche ich gegen 22 Uhr in meinen Schlafsack und freue mich auf die kommenden Tage.

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