Annapurna Round 2010 – Teil 1

1.Tag: Karlsruhe – Frankfurt Bahrain – Kathmandu

Flug ab Deutschland nach Kathmandu

Aufstieg: 0m, Abstieg 0m

6:10 Uhr, der Wecker klingelt. Und als ob es die „Neue Welle“ geahnt hat (vielleicht hat ja „Wetterfee“ Eva einen Tip gegeben), werde ich mit Michael Jackson´s „Thriller“ geweckt. Und ein „Thriller“ steht mir in der Tat bevor, denn gleich geht es über Frankfurt und Bahrain nach Kathmandu. Spannung ist da denke ich auf jeden Fall garantiert.

Nach einer heißen Dusche (ein mir lieb gewonnenes „Ritual“ vor langen Reisen), heißt es auch schon „Seesack schultern“ (denn ohne Tragegurte geht das nicht anders) und auf zur Straßenbahnhaltestelle.

Wo es dann aber schon ein erstes „Hindernis“ zu überwinden gilt – denn der komplette Straßenbahnverkehr nach und von Durlach ist wegen eines Unfalls lahmgelegt. Und so schön das blaue Funkeln der Polizei- und Feuerwehrwagen in der Morgendämmerung auch sein mag, ich muss jetzt zum Bahnhof. Aber wie?

Die örtliche Taxi-Zentrale scheint noch beim Morgenkaffee zu sein, jedenfalls meldet sich niemand trotz meines ausdauerndem Klingeln. Dann eben doch mit dem Auto los, muss ich es eben am Südbahnhof zurücklassen.

Kaum am Bahnhof wieder so ein „Ritual“ (nein ich bin nicht abergläubisch, nur beim Fußball und beim Reisen mache ich ab und zu eine Ausnahme!): die Nussschnecke, Butterbrezel und die Trinkschokolade vom Bäcker müssen sein und mit der FAZ am Sonntag und dem aktuellen Spiegel sollte es mir auch in den nächsten Stunden nicht langweilig werden.

Im Zug mehr mürrische als freundliche Gesichter. Vereinzelt ein paar Nachtschwärmer auf dem sehr späten oder frühen Weg nach Hause. Ich bin in Gedanken schon weit, weit weg und nach Mannheim kann ich den Sportteil getrost zu Seite legen.

Nach „Wirtschaft“ und „Geld und Mehr“ bedankt sich der schwäbelnde Zugführer auch schon fürs „Traveling with Deutsche Bahn“ und ich schleppe mich mitsamt Seesack und Rucksack zum nächsten Gepäckwagen am Fernbahnhof in Frankfurt.

Nicht wie sonst nach links zum Terminal 1 (ich würde aber zu gerne mal wieder nach Tel Aviv Falafel und Humus am Strand geniessen) sondern dieses Mal nach rechts zum Terminal 2, das ich Dank Airport-Shuttle auch in wenigen Minuten erreiche.

Spätestens am Schalter von „Gulf Air“ fange ich an, mich nach Mitwanderern umzuschauen. „Hauser“-Adressanhänger kann ich aber noch nirgends entdecken, obwohl die ganze Halle mit potentiellen Kandidaten gefüllt ist. Da wird schon allerorten gefachsimpelt, das Gepäck gewogen (zum Glück haben wir 30 Kg Freigepäck) oder die Wanderstiefel etwas lockerer geschnürt. Bis zum Gipfelsturm sind es ja noch ein paar Stunden wenn nicht Tage.

Ich bin ohnehin nicht unmittelbar als „Treckker“ zu erkennen, die Bergstiefel sind gut verpackt im Seesack und meine Wanderhose samt -jacke muss ich auch nicht im Flugzeug tragen. Das kommt noch früh genug denke ich.

Ich kriege Fensterplätze bis Kathmandu und – Danke! – Business Class ab Bahrain. Und das ganz ohne „Miles & More“ Vielfliegerbonus. Das ist ein gutes Zeichen denke ich, und gehe pfeifend in Richtung Passkontrolle und Abflug-Gate.

Von Mitwanderern fehlt nach wie vor jede Spur, habe ich mich im Tag geirrt?

Die Zeit bis zum Abflug investiere ich in „Gesellschaft“ und „Technik & Wissen“ (die FAZ Sonntagszeitung hat doch viele Seiten – und das im wahrsten Sinne des Wortes), zwei Cappuccinos, einen letzten „Post“ für einhundertdreissigtage.de und diversen Abschiedstelefonaten.

Chris und Chatuna fahren mir sogar mein Auto wieder an den angestammten Platz am Schlachthof und Ellen wünscht mir alles Gute.

Als einer der letzten steige ich in den Flieger und mittlerweile denk ich mir nichts mehr dabei: von Mitwanderern keine Spur.

Beim „Beziehen“ meines Fensterplatzes kommen mir dann aber doch erste Zweifel. In der Reihen hinter mir sehe ich auf einem Male mindestens 1o „Hauser“ markierte Reisende, allerdings weit jenseits der aktuell gültigen Rentergrenze. Ich muss an meine Eltern und deren Reisen mit dem „Frohen Alter“ denke, und frage mich, ob ich denn die nächsten 3 Wochen der eindeutige Youngster der Truppe sein werde. Da ich mir aber nicht vorstellen kann, dass diese lustige Altherrenrunde 16 Tage Hüttentrekking machen will, verhalte ich mich erstmal ruhig, und schließe die FAZ mit „Feuilleton“ und „Immobilien“ ab. „Politik“ lese ich immer nur im Notfall und da ich ja noch den „Spiegel“ in der Hinterhand habe, komm ich wohl auch diesen Sonntag drum herum.

Beim Überfliegen der Stellenanzeigen entdecke ich zwischen zahllosen „Global Account Managern“ oder „Executive Managern“ auch eine Anzeige von Starkoch Johann Lafer: er sucht einen „jungen, motivierten Menschen“ mit Erfahrung im Produkt-Management, der ihn darin unterstützt seine „Produkte“ (also wohl sich selbst?) zu vermarkten. Ganz unabhängig von Bezahlung und Urlaubstagen sollte dieser Job auf jeden Fall eine gute Verpflegung bieten.

Der „Video on Demand“ Monitor vor mir weigert sich beharrlich seinen Dienst aufzunehmen, so dass ich wohl die nächsten gut 6 Stunden doch noch in der „Politik“ der FAZ landen werde. Aber als echte Alternative habe ich ja noch „Glennkill“ zum Hören dabei, und die ersten Kapitel sind wirklich gut. Vor allem das „Oberschaf“ ist ein kluges Köpfchen und der Schäfer-Mörder schon so gut wie gefasst.

Mit der Bord-Unterhaltung scheint es „Gulf Air“ nicht so genau zu nehmen, denn der große Monitor in der Mitte des Fliegers stürzt seit dem Start ca. alle 5 Minuten wieder ab, woraufhin sich jedes mal die Startup-Sequenz von Linux meldet. Kann ja auch spannend sein.

Beim Mittagessen gegen Ende des Fluges komme ich mit der älteren Frau neben mir ins Gespräch. Ganz sicher keine Mitwanderin aber sie erzählt, dass sie ihre Kinder in Bahrain besuchen wird und sich sehr darauf freut – was ich sehr gut nachvollziehen kann.

Ich vermisse Luisa und Jan auch schon ein wenig, und 3 Wochen am Stück haben wir uns noch nie nicht gesehen,

Nach der problemlosen Landung in Bahrain verabschieden wir uns, und ich reihe mich in die schier endlose Reihe von Reisenden, die Bahrain nur als Durchgangsstation sehen und alle direkt in die „Transit Zone“ marschieren. Nicht ohne vorher mal wieder durchleuchtet und abgetastet zu werden, man könnte ja das Besteck vom letzten Flug als Waffe mitgenommen haben.

Die „Transit Zone“ zeigt sich dann von einer sehr westlichen Seite, und die üblichen Verdächtigen wie „Starbuck´s“ oder „Mc Donald´s“ sind natürlich auch schon da. Zur typischen deutschen Einkaufspassage fehlt fast nur noch „H&M“, „dm“ oder „Deichmann“. Die Gebetsräume getrennt nach Männlein und Weiblein sind dann allerdings doch was Neues, und so wohl nicht „im Westen“ zu finden.

Aber wie immer hat auch das zwei Seiten, und ich gönn mir erstmal einen Kaffee und „Free WiFi“ im Starbuck´s.

Von den Mitwanderern gibt es – richtig geraten, nach wie vor keine Spur.

Die 6 Stunden Aufenthalt werden dann aber doch länger und (noch) länger.

Nach 2 Stunden kenne ich alle „Duty Free“ Shops in- und auswendig, nach 4 Stunden sitze ich bei „Jasmin´s Burger“ zwischen vermummten Frauen und teste die örtliche Burger-Kette. Nach 5 Stunden bin ich in einem verrauchten „Club“ immerhin mit Blick auf die Landebahn gelandet und nach 6 Stunden bin ich sehr froh, endlich ans Abflug-Gate gehen zu dürfen.

Dort erblicke ich wieder die Rentertruppe, die bis jetzt die einzigen mit „Hauser“-Etikett“ sind.

Und: ich lerne Johann Willascheck kennen, der plötzlich neben mir sitzt und auch ohne Umschweife zu erzählen beginnt. Dass er schon über 20 Mal in Nepal war, dass er trotz seiner 85 Jahren immer noch gerne reist, dass er die Annapurna-Umrundung schon vor 20 Jahren gemacht hat und mindestes 30 Tage dafür einplanen würde. Und vor allem, dass er seit vielen Jahren immer mindestens einen Rollstuhl mit nach Nepal bringt, und dort auch kaputte Rollstühle repariert. Dieses Mal möchte er drei Monate blieben und jeden Rollstuhl reparieren, der es nötig hat.

Leider verlieren wir uns beim Einsteigen aus den Augen, aber ich nehme für mich mit, das es ganz einfach sein kann, zu „helfen“. Wenn man denn nur will und bereit ist, auch Zeit und etwas Geld zu investieren. Dieser Gedanke wird mich in den nächsten Tagen begleiten. Ich bin gespannt, welche Konsequenzen er für mich haben wird.

In der Business-Class angekommen, staune ich nicht schlecht, denn ich scheine der Einzige zu sein. Sofort habe ich Saft und Nüsse vor mir stehen und die Speisekarte für das nächtliche Dinner wird mir auch mit zuckersüßem Lächeln gereicht.

Kurz vor dem Start passiert es dann: ich nehme Kontakt auf!

Da der Flieger allem Anschein nach hoffnungslos überbucht ist, werden kurzerhand die ersten Reihen aus der Economy-Class in die Business-Class verfrachtet und siehe da, plötzlich sitz der neben mir: Wolfgang, Zahnarzt aus Bitterfeld, mein erster Mitwanderer.

Und hinter uns sitzend, stellt er gleich auch seine zwei (volljährigen) Kinder Kristina und Martin vor.

Ich freue mich, nicht mehr der Jüngste zu sein und der Rentertruppe nochmals entwischt zu sein und lasse mir von Wolfgang von Nepal und den Bergen vorschwärmen.

Irgendwann döse ich dann aber doch weg und erst als wir im Anflug auf Kathmandu die ersten sonnenbeschienen Himalaja-Riesen entdecken, vergesse ich die Müdigkeit und die letzten 20 Stunden, seitdem ich die Tür in der Tullastrasse hinter mir abgeschlossen habe.

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