„Die Band“-Reloaded: Kapitel 5

George war so in Gedanken vertieft gewesen, daß er das Ende von „My beer is empty“ völlig verpaßte, denn als er seine Gedankengänge in die nähere Vergangenheit beendet hatte, stand er nur noch alleine auf der Bühne – der Rest der Band, allen voran Bert, hatte sich mittlerweile von eben dieser begeben, und hatte sich nun im ganzen „Blue Note“ verteilt. Aber George hatte eigentlich gar keinen Durst, geschweige denn Lust auf irgendwelchen mehr oder weniger sinnvollen Pausen-Smalltalk mit mehr oder weniger interessanten Leuten. Daher blieb er einfach am Rand der Bühne stehen, und beobachtete das aufgeregte Treiben vor sich.

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Bert hatte sich natürlich sofort an die Bar begeben und beschäftigte sich gerade mit einem Bier und einem dieser, von Teq so hervorragend zubereiteten Flammkuchen – wobei diese Beschäftigung natürlich eine sehr einseitige Gelegenheit war, denn Bert dachte im Traum nicht daran, mit seinem Bier oder seinem von Teq so hervorragend zubereiteten Flammkuchen auch nur das Nötigste zu kommunizieren, während er sie verschlang.

Gary hatte zur Abwechslung einmal nicht „Slide“, sondern diese nette kleine Französin zärtlich im Arm, und gemessen an seiner nicht zu übersehenden Schamesröte im Gesicht, flüsterte sie ihm im Augenblick nicht ausschließlich quadratische Gleichungen ins Ohr, während sie genußvoll an eben diesem (dem Ohr !!) knabberte. Sie schien wirklich vernarrt in ihn zu sein, denn in der Vergangenheit hatte es keine Frau länger als ein paar Wochen mit Gary ausgehalten (was wahrscheinlich durch die Eigenart Gary´s zu erklären war, daß er immer darauf bestand, daß „Slide“ neben ihm im Bett liegen durfte).

Doch diese nette kleine Französin, deren Namen George im Augenblick entfallen war, aber irgendetwas mit einem Dreieck zu tun hatte (wobei er sich sicher war, daß sie nicht „Phythagoras“ hieß) war nun schon mehrere Monate an Gary´s Seite und war offenkundlich kein bißchen eifersüchtig auf „Slide“. Was umso verwunderlicher war, wenn man bedachte, daß Gary, trotz seiner Liebe zu ihr, es immer wieder fertigbrachte, zu versuchen, diese nette, kleine Französin an seinen mit rotem Samt beschlagenen Mega-Sound-Verstärker mit eingebautem „Bo-eih“-Effekt und automatischem Speed-Doubling anzuschließen, um so die greifbaren Vorzüge dieser netten, kleinen Französin mit dem Spaß am Gitarrespielen zu verbinden.

Mehr aus Jux hatte sie sogar versucht, die Griffe, die Gary bei ihr ansetzte in musikalischen Laute umzusetzten, aber schon bei einem einfachen C7-Akkord konnte sie sich vor lauter Lachen nicht mehr konzentrieren, denn gerade der C7-Akkord lag in ihren kitzeligsten Regionen.

T.M. war wie in jeder Pause ihrer Konzerte zuerst auf die Toilette gegangen und hatte sich frisch frisiert (er hatte dazu immer ein kleines Köfferchen dabei, in dem er die wichtigsten Utensilien aufbewahrte, die nötig waren, seine Locke in die richtige Lage zu bringen). Danach hatte er sich unter die Leute gemischt und war nun wie in jeder Konzertpause auf der Suche nach einer weiblichen Gesprächspartnerin, der er mit seinem Wissen über Haarsprays und Haarlacken imponieren wollte. Leider hatte T.M. mit dieser „Also an mein Haar laß ich nur Wasser und ph-neutrale, selbstklebende Haarsprays“-Masche bei den weiblichen Gesprächspartnerinnen selten Erfolg; ob dies aber an ihm selbst oder an seinem (vielleicht manchmal zu oberflächlichen) Wissen über Haarsprays oder Haarlacken lag, wußte er selbst nicht so genau. Die ganze Sache endete dann meist damit, daß er sich mit irgendwelchen „Detlef´s“ oder „Waltraud´s“ in eine dunkle Ecke verzog, um dort endlich sein Wissen im wahrsten Sinne des Wortes an den Mann (!!!) zu bringen.

Sticky hatte an der Bar mittlerweile mit dem örtlichen Vertreter der Uhrmacher-Innung Brüderschaft getrunken, und diskutierte nun wild gestikulierend die neuesten Trends in der Uhrenbranche (denn wie gesagt war Sticky Jones dafür bekannt, immer die richtige „Time“ zu liefern, und da Sticky beabsichtigte diesen Ruf noch ein paar Jährchen aufrechtzuerhalten, war er immer brennend an den neuesten „time“-Informationen interessiert).

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Ohne weiter auf das Pausenverhalten der einzelnen Personen einzugehen, möchte der Autor an dieser Stelle einige Worte über seine Erfahrungen und Beobachtungen mit Smalltalks bzw. Kontaktaufnahme zu anderen anwesenden Personen (vorzugsweise des weiblichen Geschlechts) verlieren:

Ganz grundsätzlich lassen sich mehrere Typen von Kontakt-Suchenden unterscheiden:

Da ist zuallererst einmal der „Jäger und Sammler“ zu erwähnen, der alles anspricht, was irgendwie weiblich aussieht, und diese Person dann solange mit Geschichten belästigt, bis entweder a) die Person vor lauter Mitleid zu allem bereit ist und der „Jäger und Sammler“ für eine Nacht ein Opfer gefunden hat, oder b) die Person dem „Jäger und Sammler“ ihr halbvolles Glas koffeinfreies Cola oder (in besonders schwerwiegenden Fällen) Orangensaft aus Orangesaftkonzentrat ins Gesicht schüttet um dem „Jäger und Sammler“ damit zu verstehen zu geben, daß die Person nun kein Interesse mehr an einer Unterhaltung mit dem „Jäger und Sammler“ hat, oder c) der große Bruder der Person, der unglücklicherweise meist irgendwelche, sehr schmerzhaften, asiatischen Kampfsportarten beherrscht, auftaucht und den „Jäger und Sammler“ zum „Hau den Lukas“ werden läßt.

Als nächstes ist der „stille Genießer“ zu nennen, der ohne Probleme den ganzen Abend still wie ein Fisch dasitzen kann, die anwesende Weiblichkeit aber mit sehr wachsamen Augen begutachtet, um dann genau in dem Moment, in dem seine Auserkorene erste Anstalten macht, das Lokal zu verlassen, aufzustehen und ihr in ihren Mantel zu helfen. Diese auf den ersten Blick recht langwierige und in manchen Augen etwas altmodische Methode findet in letzter Zeit immer mehr Befürworter, und auch die holde Weiblichkeit ist ob dieser plötzlichen Rückbesinnung auf ein echtes „gentlemanhaftes“ Benehmen recht angetan.

Der dritte Typus läßt sich am besten als „Smiley“ bezeichnen. Vertreter dieser Sparte sind von Mutter Natur mit einem derart gewinnenden Lächeln bedacht worden, daß keine Frau auch nur die geringste Chance hat, diesem Lächeln nicht zu erliegen. „Smileys“ haben demzufolge meistens am wenigsten Probleme, Kontakt aufzunehmen, doch sobald es dann zu weiterführenden Gesprächen kommen soll, merken die meisten Frauen recht schnell, das hinter dem ach so wunderbaren Lächeln meist nicht viel mehr steckt (diese Erfahrung ist im übrigen vergleichbar mit der Entdeckung, daß sich in jeder auch noch so großen und bunten Eisverpackung, meist nur ein um ein vielfaches kleineres Eis verbirgt).

Diese Liste erhebt natürlich keine Anspruch auf Vollständigkeit, z.B. fehlt auf jeden Fall noch der Typus „Junge, mit dem man Pferde stehlen kann“, der sich einfach völlig natürlich gibt, und damit auch ansprechende Erfolge erzielt, aber der Autor möchte den geneigten Leser und die geneigte Leserin noch mit ein paar Sätzen in die Geheimnisse des „Smalltalks“ einweihen.

Wie der Begriff „Smalltalk“ schon sagt, handelt es sich bei „Smalltalk“ um eine „kleines Gespräch“. „Klein“ kann sich dabei zum einen auf die Zeitdauer des Gesprächs beziehen, wobei der Experte in diesem Fall nicht von „kleinen Gesprächen“ sondern von „kurzen Gesprächen“ spricht.

Zum anderen kann dieses „klein“ aber auch zum Ausdruck bringen, auf welchem geistigen Niveau die Unterhaltung abläuft – typische Floskeln die bei solchen, wie der Experte sagt, „Trivial-Gesprächen“ benutzt werden, sind z.B. „Schönes Wetter heute“, „Was macht denn ihr Hund“, „Also, dieses Kleid steht ihnen aber ganz besonders gut“ oder „Also der Gulasch ist heute sehr zu empfehlen“. Im Extemfall können solche Gespräche sogar zum reinen Austausch von Vokalreihungen im Sinne von „Soso“ oder „Jaja“ mutieren.

Der erfahrene „Smalltalker“ hat immer ein paar einfache, für jeden verständliche Frage im Petto, die er dann zum richtigen Zeitpunkt in die Unterhaltung einwerfen kann. Gut trainierten „Smalltalkern“ kann es unter Umständen sogar gelingen, einen „Smalltalk“ mehrere Minuten, und im Extremfall sogar Stunden, mit Personen aufrechtzuerhalten, mit denen sie normalerweise nicht einmal über ihren Anwalt kommunizieren würden.

Aus der kaum überschaubaren Menge von Fachliteratur und Fachsendungen zum Thema „Smalltalk“ sei zum einen eine große deutsche Tageszeitung mit vier (großen) Buchstaben und zu anderen eigentlich fast alle sogenannten „Unterhaltungsserien“ im öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehen hervorgehoben.

Der noch unbedarfte „Smalltalker“ kann aus zuerst genannter Tageszeitung jede Menge völlig belangloser, und zudem meist erfundener, Informationen erhalten, die sich hervorragend dazu eignen, im „Smalltalk“ eingebaut zu werden.

Sowohl dem Anfänger als auch dem fortgeschrittenen „Smalltalker“ bieten letztgenannte „Unterhaltungsserien“ zudem einen beinahe unerschöpflichen Fundus an Floskeln für ihren nächsten „Smalltalk“, da die Dialoge in diesen Serien fast zu hundertprozent aus eben solchen Floskeln bestehen, die zudem meist noch von Akteuren, die die Bezeichnung „Schauspieler“ nur äußerst selten verdienen, völlig unmotivert verbreitet werden.

Soviel also zu den wirklich wichtigen Dingen im Leben, nun aber zurück zur Geschichte.

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Gerade als sich George nach John und Irina umschauen wollte, betrat Teq die Bühne und kündigte vollmundig das Pausenprogramm an. Dieses war eine weitere Tradition, die im Laufe der Jahre im „Blue Note“ entstanden war – es bestand im Grunde eigentlich nur aus dem Ablesen einiger weniger Werbeslogans für diverse Geschäfte in der näheren und weiteren Umgebung des „Blue Note´s“ (wobei die meisten der Geschäfte eher in der weiteren Umgebung des „Blue Note“s zu finden waren, da sich das „Blue Note“, wie bereits erwähnt, im verruchtesten Viertel der Stadt befand, in dem neben einem Eisenwarenladen (der nur dank der militanten Frauenkomitees, die ständig neue Eisenstangen für ihre Vandalismus-Excesse benötigten, überleben konnte) sonst keine Geschäfte zu finden waren.

Doch war dieses Pausenprogramm immer ein echter Renner, was wahrscheinlich zumindest indirekt etwas mit der Tatsache zu tun hatte, daß die Werbeslogans von einem sehr appetitlichen Mädel names Monique verlesen wurden, das darüberhinaus bis auf 2 winzige Wäschestücke der Firma „Aah und Ooh“ mit nichts außer Chanel No.4 bekleidet war. Die 2 winzigen Wäschestücke kosteten übrigens ein kleines Vermögen, was sich aber mit der reziproken Proportionalität von Preis und Öberflache der Wäsche erklären ließe; seitdem Teq aber festgestellt hatte, daß die gleiche reziproke Proportionalität zwischen Öberfläche der Wäsche und Bierkonsum nach der Pause bestand, hatte er Monique gerne die 2 neuen, noch winzigeren Wäschestücke spendiert; zumal es an Monique nichts gab, daß man mit größeren Wäschestücken hätte verdecken müssen. (Der geneigten, voll emanzipierten, Leserin werden bei solchen Aussprüchen sicherlich wieder die Nackenhaare zu Berge stehen, aber der Autor möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, daß solche Stellen in einem Buch, das auch ein kommerzieller Erfolg sein soll, unbedingt von Nöten sind, um auch die niederere Ausprägung der Gattung „Mensch“ anzusprechen, die von Kennern manchmal auch „Mann“ genannt wird.

Der Autor wird sich aber auch in Zukunft bemühen, solche Stellen auf das Nötigste zu beschränken, um die von Seiten des Autors hochverehrten Weiblichkeit nicht allzusehr zu verärgern.

Man könnte natürlich aber auch als Ausgleich in der nächsten Pause die Werbeslogans zur Abwechslung einmal von einem sehr appetitlichen „California-Dream-Man“ verlesen lassen, der dann sogar mit nur einem winzigen Wäschestück der Firma „Aah und Ooh“ bekleidet wäre (wobei bei der Frage des Parfüms noch kein gemeinsamer Kompromiß gefunden werden konnte), und dadurch auch den „basic instincs“ der geneigten weiblichen Leserschaft gerecht zu werden – aber das muß sich der Autor noch reiflich überlegen).

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Mittlerweile hatte sich George auch von der Bühne begeben – nicht aber um etwas zu Drinken oder sich mit irgendjemanden zu unterhalten. Er hatte einfach festgestellt, daß man vom Publikumsbereich aus einen viel besseren Blick auf diejenigen Bereiche Monique´s hatte, die nicht von den zwei winzigen Wäschestücken bedeckt wurden.

Und da zufälligerweise gerade an dem Tisch, an dem die drei Männer saßen, noch ein Platz frei war, und sich dieser Platz auch noch direkt an der Bühne befand, setzte sich George kurzentschlossen zu den drei Männern.

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Jetzt würde es sich natürlich anbieten, ein wenig Licht in das Rätsel um diese drei geheimnisvollen, unauffällig gekleideten Männer zu bringen (indem z.B. George ein Gespräch mit ihnen beginnt, und sie zuallererst einmal fragen könnte, was sie denn zum Frühstück gegessen haben), aber um den Spannungsbogen nicht allzu früh abreißen zu lassen, wird der Autor damit noch mindestens 5 weitere Seite warten. Damit aber der geneigte Leser und die geneigte Leserin durch solch eine Hinhaltetaktik nicht allzu sehr verärgert wird, sei an diesere Stelle zumindest soviel verraten, daß die drei Männer zum Frühstück neben Kaffee, Eier und Speck, auch ein 7-Korn-Brötchen mit Honigersatz-Aufstrich zu sich genommen haben.

Das hat allerdings mit dem weiteren Verlauf unserer Geschichte im Grunde rein gar nichts zu tun – daher ist es dem Autor an dieser Stelle auch leicht gefallen, diese völlig redundante Information preiszugeben.

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George bekam vor lauter Verlegenheit kein Wort heraus (denn er wußte schließlich, wem er da gegenüber saß), und auch die drei Männer machten keinerlei Anstalten, ein Gespräch zu beginnen. Sie starrten vielmehr gespannt auf die Bühne, lauschten den Ansagen Monique´s und machten sich ab und zu Notizen in ihre mitgebrachten Notizblöcke, wobei sie sich mitunter geheimnisvolle Blicke zuwarfen.

Genau in dem Moment, als einer der drei Männer, etwas in seine Notizblock schrieb, das von George´s Platz aussah wie „gtzhrede“, betrat ein weiterer Gast das „Blue Note“.

Er war ca. 30 Jahre, 1.85 groß, trug einen gepflegten Pferdeschwanz und war mit einem ungepflegten Sweatshirt und einer noch ungepflegteren Jeans bekleidet. Er stellte sich, nachdem er an der Theke ein Bier bestellt hatte, an einen der Tresen, die links und rechts an den Seitenwänden des „Blue Note“s angebracht waren, und lauschte wie die restlichen 99.95 Prozent der männlichen Anwesenden Moniques Ausführungen (Dieser Umstand wäre eigentlich nicht weiter erwähnenswert, da besagter Gast aber insofern wichtig ist, da er per Anhalter zum „Blue Note“ gekommen war, und er damit in gewisser Weise für den Titel dieses Teil der Geschichte verantwortlich ist, war es dem Autor ein inneres Bedürfnis, auf besagten Gast aufmerksam zu machen. Da dieser Gast für den Gesamtzusammenhang völlig bedeutungslos ist, wird der Autor aber kein weiteres Wort mehr über ihn verlieren).

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Auch T.M. hatte sich mittlerweile der Bühne zugewandt, nachdem er seine Suche nach einem weiblichen Gesprächspartner wie immer erfolglos beendet hatte, und da er an diesem Abend nicht einmal jemanden für eine dunkle Ecke gefunden hatte, fühlte er sich so schlecht wie schon lange nicht mehr. Er mußte ganze fünf Minuten überlegen, wann es ihm das letzte Mal so schlecht gegangen war, bis er dann in seinen Erinnerungen plötzlich auf jenen Sonntagmorgen stoß, an dem er im ganzen Haus kein Haarspray mehr finden konnte, und er sich daher nur mit einer dicken Wollmütze unter die Leute wagen konnte.

Und da er gerade dabei war, seine alten Erinnerungen zu durchforsten, was er für gewöhnlich äußerst ungern und dementsprechend sehr selten machte (was sich wohl am ehesten mit dem Gefühl begründen läßt, das einen befällt, wenn man auf dem Speicher plötzlich auf einen Koffer mit allerlei Krimskrams aus seiner Jugend stößt, und darin so ermutigende Dinge findet wie alte Zensuren, abgelehnte Liebesbekundungen von der ersten großen Liebe, verbleichte Bilder, auf denen man noch keine Glatze hat oder Hosen, die einem mittlerweile viel zu eng geworden sind ), und er in dieser Pause eh keinen Gesprächspartner mehr finden würde (von welchem Geschlecht auch immer), dachte T.M. an die längst vergangenen Zeiten, in denen alles begann.