„Die Band“-Reloaded: Kapitel 4

Es war einfach unglaublich!

Sämtliche Gäste hatten sich von ihren Sitzen erhoben und klatschten rhythmisch ein recht kompliziertes Thema im 6/8-Takt (wäre unter den Anwesenden ein Experte für die mittelafrikanische Regenmacher-Musik gewesen, hätte er bemerkt, daß dieses recht komplizierte Thema im 6/8-Takt dem Hauptthema aus dem 2.Satz der Regenmacher-Suite für 2 Bongos und 6 Bimbos verblüffend ähnelte, die seinerzeit vom Regenmacher der Gogogo´s komponiert wurde; leider hatte er aber damit keinen Erfolg, was bei westlichen Komponisten eigentlich nicht weiter schlimm gewesen wäre, denn das Schlimmste was ihnen mit ihrer Musik passieren könnte, wäre eine Plazierung in der „Deutschen Hitparade“ – zugegeben eine recht peinliche aber keineswegs lebensbedrohende Sache.

Da aber ein mittelafrikanischer Regenmacher mit seiner Musik vor allem Regen machen möchte, und demzufolge ein Mißerfolg soviel bedeutet wie Dürre und Hunger, muß ein mittelafrikanischer Regenmacher natürlich ganz andere Ansprüche an sein Werk richten als z.B. ein westlicher Komponist (der Vollständigkeit sei noch erwähnt, daß der Stamm der Gogogo´s, nicht zuletzt auf Grund ihres unfähigen Regenmachers und der damit verbundenen Dürre mittlerweile nahezu vollständig ausgestorben ist. Wie allerdings das Hauptthema des 2.Satzes der Regenmacher-Suite bis in das „Blue-Note“ gelangte, wird nie widerspruchsfrei bewiesen werden können).

Die ganze Band war nach vorne gekommen, und genoßen nun, jeder auf seine Weise, den nicht enden wollenden Applaus: T.M. hoffte nur, daß seine Locke richtig saß; Gary hielt „Slide“ zärtlich in den Armen; Sticky kontrollierte noch einmal die „Time“; Irina rollte verlegen mit den Augen; George fühlte sich gleich 5 Zentimter größer; John war einfach nur stolz und Bert freute sich schon auf das Bier in der Pause.

Nach ca. 10 minütigem Applaus und ca. 35 Verbeugeungen (was statistisch gesehen 3.5 Verbeugungen pro Minute entspricht, wobei dabei eine durchschnittliche Standartabweichung zu berücksichtigen ist, deren vierte Stelle hinterm Komma identisch mit der Zahl der anwesenden Musiker ist) beruhigte sich das Publikum langsam wieder, so daß George das letzte Stück vor der Pause ansagen konnte – normalerweise wäre dies „Funk punk“ gewesen (das auf recht extreme Weise den Werdegang eines Späthippies erzählt, der erst zum Punker und dann zum Nachrichtensprecher im Radio wird), aber um den Gästen und auch der Band eine Erhohlungsmöglichkeit zu geben, hatte sich George kurzfristig für eine langsame Balade mit dem Titel „My beer is empty“ entschieden, in der John auf dem Flügelhorn und Irina am Piano von den Gefühlen erzählen, die einen bewegen, wenn die Flasche Bier schon wieder leergetrunken ist, und sich wieder einmal die Frage stellt, wer das nächste aus dem Kühlschrank holt.

Da dies ein reines Instrumentalstück war, konnte sich George an den Rand der Bühne stellen und den dahinfließenden Melodiebögen von Irina und John lauschen. Dieses Stück hatte die Band auch gespielt, als George zum ersten Vorsingen erschienen war (damals allerdings noch ohne die Melodiebögen von Irina) – und obwohl es nun auch schon einige Jahre her war, konnte sich George noch an alles so genau erinnern, als ob es erst gestern gewesen wäre, was eventuell damit zu erklären war, daß George erst gestern diese alte Geschichte in einem seiner Tagebücher nachgelesen hatte.

***

Schon die Umstände, durch die er an die Band geraten war, waren mehr als abenteuerlich.

In den langen Jahren als Akteneinsortierer hatte es sich George nämlich zur Gewohnheit gemacht, ab und zu Akten mit ungelösten Fällen mit nach Hause zu nehmen, um sie durchzuarbeiten und vielleicht irgendeine Kleinigkeit zu entdecken, die alle anderen übersehen hatten. Durch diese Kleinigkeit hätte dann der Fall gelöst werden können, und George wäre dann doch noch zur Spezialeinheit versetzt worden (davon jedenfalls träumte George seitdem er im Kino eine ähnliche Geschichte gesehen hatte).

Diesmal hatte er sich einen wirklich erschütternden Fall vorgenommen – drei skrupellose Geschwister hatten sich als Backgroundsänger-Gruppe in eine recht erfolgreichen Polkaband eingeschlichen, eines Tages die Bandkasse entwendet und sich damit in Richtung Südamerika aus dem Staub gemacht. Der Fall war der Spezialeinheit übertragen worden, und dort hatte sich sofort Spezialagent Jorge Drebbin an die Verfolgung der Geschwister gemacht (nicht zuletzt deshalb, weil Spezialagent Jorge Drebbin ein großer Polka-Fan war, und es für ihn daher mehr war als ein gewöhnlicher Auftrag – er war schließlich im Auftrag der Polkafangemeinde unterwegs).

Doch aufgrund der besseren Beziehungen zu zwielichtigen Heino-Fan-Clubs in Urugugay und Argentinien gelang es den Geschwistern immer wieder, dem Spezialagenten zu entkommen. Die ganze Verfolgung zog sich über mehrere Monate hin, aber am Ende mußte Spezialagent Jorge Drebbin einsehen, daß er gegen die Verschlagenheit und Kaltblütigkeit der skrupellosen Geschwister keine Chance hatte, und so kam es, daß sich Spezialagent Jorge Drebbin (der bis dahin noch jeden Fall gelöst hatte) völlig entnervt in den Vorruhestand versetzen ließ, und sich fortan mit der Kürbiszüchtung beschäftigte (seine Vorliebe für Polkas hatte sich übrigens mittlerweile in puren Haß auf alles Alpenländische gewandelt, der ihn auch zur Gründung einer Bürgerbewegung veranlaßte, die das Ziel hatte, den Konsum von „Musikantenstadl“ und „Volksmusik-Hitparade“ strafbar zu machen). So kam es, daß die skrupellosen Geschwister nie gefaßt wurden und mittlerweile sicherlich noch weitere Bands um ihre Bandkasse betrogen hatten.

Wie George der Akte aber weiterhin entnehmen konnte, hatte sich die Polkaband mittlerweile aufgelöst und drei der ehemaligen Mitglieder (T.M., Bert und John) hatten eine neue Band gegründet, die noch keinen Namen hatte, sich aber zum Ziel gesetzt hatte, nie mehr Polkas zu spielen und nie mehr eine Bandkasse zu verwalten (sondern die eingespielten Gagen sofort und vollständig in bestimme Kohlenwasserstoff-Verbindungen zu investieren, die, mit bestimmten natürlichen Geschmacks- und Farbstoffen versetzt, landläufig meist unter dem Begriff „Alkohol“ bekannt sind).

Da George in dieser Zeit gerade auf der Suche nach einer Band war, kam ihm dieser Hinweis gerade recht, und daher meldete er sich sofort bei T.M., dessen Telefonnummer er aus der Akte entnommen hatte, und vereinbarte für den nächsten Abend ein Vorsingen.

Dieses Vorsingen war dann auch recht erfolgreich verlaufen, und seit diesem Abend war George Perret ein fester Bestandteil der Band gewesen.

Kurze Zeit später war dann auch Gary zur Band gestoßen – allerdings auf weit weniger abenteuerliche Weise. Gary arbeitete nämlich zu dieser Zeit noch in einem ziemlich verrufenen Lokal als Türsteher, und wie es der Zufall wollte, spielte die Band gerade an dem Abend in diesem besagten Lokal, als Gary zufällig „Slide“ dabei hatte. Und da die Band bis dahin noch keinen Gitaristen hatte, kam eines zum anderen (oder besser gesagt Gary zur Band), und ehe er sich versah, gehörte Gary zur Band.