„Die Band“-Reloaded: Kapitel 3

Schon während Teq seine Gäste begrüßte, waren alle aus dem kleinen Zimmer hinter der Bühne gekommen und lauschten nun den Worten ihres heutigen Gastgebers. Als dieser dann mit dem Ausspruch „Ladies and gentleman –  THE BAND !!!“ geendet hatte, waren alle (bis auf George, der wie immer erst zum zweiten Stück die Bühne betrat, was ihm heute besonders recht war, denn so hatte er noch genügend Zeit, über Teq´s Witz nachzudenken, den er auf Anhieb nicht verstanden hatte), ohne ein Wort zu sagen, einer nach dem anderen auf die Bühne gegangen und hatten sich dort an ihre Plätze begeben.

Gary zu seinem mit rotem Samt beschlagenen Mega-Sound-Verstärker mit eingebautem „Bo-eih“-Effekt und automatischem Speed-Doubling („Slide“ trug er dabei wie immer zärtlich im Arm); T.M. zu seinem kleinen, aber sehr handlichen Handy-Baß mit angebautem Schrittzähler für die Walkin´-Baß-Sequencen (T.M. hatte erst dadurch festgestellt, daß sein Baß im Laufe eines durchschnittlichen Konzertes fast einen Marathon zurücklegte); Irina an das uralte Piano, das schon zu der Zeit im „Blue Note“ stand, als dieses noch eine richtige Tür hatte; Sticky an sein altbewährtes Drum-Set, mit integriertem „Waking up the neighbours“ -Tom-Tom, und schließlich Bert und John zu ihren zwei vergoldeten Mikros, die im linken vorderen Teil der Bühne standen (normalerweise bevorzugten sie es, rechts zu stehen, aber im „Blue Note“ stand dort das Piano, das nicht verschoben werden konnte, da zu der Zeit, als dieses Piano gebaut wurde, niemand damit rechnete, daß ein vernünftiger Mensch ein Piano durch die Gegend schieben, geschweige denn tragen würde, und dementsprechend keine Rollen oder Griffe daran angebracht waren).

Allen waren voll konzentriert und warteten nur noch auf die „time“ von Sticky. Dieser erhob daraufhin seine rechte Hand, schnippte mit den Fingern und sagte dazu rhythmisch – „Beim nächsten Ton ist es 21 Uhr, 3 Minuten und 20 Sekunden.“ (er versuchte dabei immer die Stimme der netten Frau aus der Zeitansage zu imitieren, was ihm aber eigentlich nie gelang). Die „time“ stimmte auf die Sekunde, und John war froh, daß sie heute abend Sticky am Schlagzeug hatten, der dafür bekannt war, immer die richtige „time“ zu liefern. Nachdem alle ihrer Uhren danach gerichtet hatten, flüsterte John nur noch „A one, a  two, a one ,two, three, four“ und die Band begann zu spielen.

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Wie immer war ihr erstes Stück „She is nice, isn´t she ???“ – eine immer schneller werdende Nummer im Drei-Viertel-Takt, die auf einem modal angelegten Thema basierte, das Bert eingefallen war (und das eine verblüffende Ähnlichkeit mit der Melodie hatte, die erklang, wenn die blonde Schönheit auf seinem hochauflösenden 20 Zoll – Multisync – Echtfarbmonitor zu tanzen begann) und das in einem famosen Gitarrensolo von Gary endete, in dem er  sein automatisches Speed-Doubling sehr effektvoll einzusetzen pflegte.

Und an diesem Abend war das Solo noch eine Spur famoser als sonst, doch als das Stück mit einem von Bert und John gespielten messerscharfen Bläser-Lick endete, der die mittlerweile rauch-geschwängerte Luft im „Blue Note“ in Stücke zu 4.50 DM zerschnitt („Morgeen“ – „Darf´s au a bisle mähr sei ???“ – „Dankee“), und alle (Mitglieder der Band) auf einen, ihnen nun entgegenschwappenden Begeisterungssturm hofften, geschah – NICHTS !!!

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Hier möchte der Autor kurz einhaken, um all denjenigen, die selbst keine Musik machen, die miesliche Situation zu verdeutlichen, in der sich Irina, Gary, T.M., Bert, Sticky und John jetzt befinden. Denn für eine Musikerin und einen bzw. 4 Musiker und einen Schlagzeuger gibt es wohl nichts Schlimmeres als völlige Gleichgültigkeit von Seiten des Publikums – denn egal, wie gut oder wie schlecht die gemachte Musik auch ist, braucht ein musizierender Mensch einfach eine gewisse Rückmeldung von seiner Zuhörerschaft (und sei es auch nur in Form von fliegende Flaschen, als Zeichen, daß das wehrte Publikum genug von der Musik hat !!!).

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Beinahe kam es ihnen so vor, als ob das gesamte Publikum in einen plötzlichen, 5 Minuten dauernden Schlaf gefallen wäre (so lange dauerte nämlich im Schnitt „She is nice, isn´t she ???“, wobei dies entscheidend davon abhing ob Gary sein Solo mit oder ohne Speed-Doubbling spielte) und erst nach dem Ende des Stückes wieder aufgewacht ist. Kein einziges Klatschen, kein einziger „Bravo“-Ruf, überhaupt keine Äußerungen waren zu vernehmen. Die Leute unterhielten sich einfach untereinander als ob nichts gewesen wäre, und als ob keine Band auf der Bühne stand, die gerade eine ihrer besten Versionen von „She is nice – isn´t she ???“ gespielt hatte.

John konnte es nicht verstehen und blickte die anderen hilfesuchend an, aber auch sie waren total verwirrt:

T.M. überlegte, ob es vielleicht an seiner falschen Kleidung lag, oder ob seine Locke rechts doch besser zur Geltung gekommen wäre, Sticky kontrollierte noch einmal seine Armbanduhr, Gary zuckte nur mit den Schultern und versuchte „Slide“ zu trösten, die in Tränen ausgebrochen war, Bert sehnte sich nach einem Bier (denn von all dem salzigen Essen hatte er jetzt einen unwahrscheinlichen Durst) und Irina rollte verlegen mit den Augen, fühlte sich aber auch nicht sehr wohl in ihrer Haut (das letzte Mal, als sie sich ähnlich schlecht fühlte wie in diesem Augenblick, hatte sie sich beim Aufstehen ihren rechten großen Zehen an ihren Kleiderschrank (der dort schon seit Jahre stand, und noch nie im Weg war) derart angestoßen, daß sie sich noch Tage danach nur hinkend fortbewegen konnte).

Auch George hatte alles hinter der Bühne stehend verfolgt, und wäre am liebsten gleich wieder nach Hause gefahren, aber dann nahm er all seinen Mut zusammen, betrat die Bühne und setzte sich auf seinen Barhocker, der sich in der Mitte der ca. 9m breiten und 5m tiefen Bühne befand. Noch etwas unsicher nahm er sein Mikrophon von seinem (Mikrophon-) Ständer, bedankte sich ohne darüber nachzudenken für den Applaus (der ja eigentlich gar nicht dagewesen war, aber wie gesagt, George bedankte sich ohne darüber nachzudenken für den Applaus (der ja eigentlich gar nicht dagewesen war, aber … Ach lassen wir das – die Grundaussage die der Autor mit diesem Satz ausdrücken möchte, nämlich daß George nicht darüber nachdachte, ob überhaupt Applaus da war, sondern rein intuitiv, also ohne darüber nachzudenken, gehandelt hat, ist dem geneigten Leser und der geneigten Leserin wohl klargeworden) und setzte das Programm wie bei jedem Auftritt mit der Floskel „Schönen guten Abend –  viel Spaß !!!“ fort.

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Für diesen Abend hatte sich George als ersten Titel „The man, the pub and a lot of sleeping people“ ausgesucht. Eine melancholische Soul-Nummer, in der George von einem Mann erzählt, der die Gabe hat, mit seinen Geschichten eine ganze Kneipe einen ganzen Abend lang zu langweilen.

Nach der zweiten Strophe, in der dieser Mann vom Wirt der Kneipe mit einem Fußtritt vor die Tür gesetzt wird, weil wegen der mitreißenden Geschichten des Mannes alle Gäste eingeschlafen waren, und daher der Umsatz an diesem Abend alles andere als gut war (denn wer kann schon im Schlaf ein neues Bier bestellen ???), bietet diese Nummer überdies Bert eine erste Möglichkeit, eine kleine Kostprobe seines musikalischen Könnens zu demonstrieren.

So auch an diesem Abend, und da sie (die drei Männer) heute auch da waren, strengte er sich noch eine Idee mehr an als sonst, und spielte einen Chorus nach dem anderen.

John, der sich an den Rand der Bühne begeben hatte, um Bert nicht schon durch seine bloße Anwesenheit die Show zu stehlen, hatte inzwischen seine Sonnenbrille abgenommen und suchte das „Blue Note“ nach bekannten Gesichtern ab – auch wenn das erste Stück noch nicht den erhofften Erfolg gehabt hatte, er war stolz darauf, in diesem Club spielen zu dürfen – und der Applaus würde schon noch kommen. Schließlich war das Publikum bekannt dafür, sehr wählerisch zu sein, und erst zu applaudieren, wenn die musikalischen Genüsse mindestens so mundeten wie Teq´s Flammkuchen (den er übrigens hervorragend zuzubereiten verstand).

Da Bert keine Anstalten machte, sein Solo in absehbarer Zeit zu beenden, ließ John seine Blicke weiter durchs „Blue Note“ gleiten. Noch hatte er niemand Bekannten entdeckt; außer vielleicht den Mann, den er jeden Morgen beim Bäcker traf  – John vermutete, daß er dort arbeitete, denn er war immer mit einer weißen Kutte und einem weißen Käppchen bekleidet, auf dem in goldenen Lettern der Schriftzug „Backe, backe Kuchen“ gestickt war (Diese Annahme war aber leider falsch, was aber John nie erfahren würde. Bei dem mit einer weißen Kutte und einem weißen Käppchen bekleideten Mann handelte es sich vielmehr um einen Undercover-Agenten des CIA der die fixe Idee hatte, die Mehlsäcke in der Bäckerei enthielten Kokain – was er natürlich nie beweisen konnte).

Seine Blicke hatten inzwischen die hinteren Tischreihen erreicht, und dort saßen tatsächlich einige bekannte Gesichter.

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Zuerst fiel im Julio Chrischél ins Auge, was aber weniger an ihm lag, sondern an der auffälligen Ansammlung von beinahe schon peinlich auf jung getrimmten, durchweg wasserstoff-blond gefärbten Mitfünfzigerinnen, von denen er wie immer umlagert war. Julio Chrischél hatte unbestreitbar immer schon eine gewisse Anziehungskraft auf das weibliche Geschlecht gehabt, und vor allem alleingelassene, durchweg wasserstoff-blond gefärbte Mitfünfzigerinnen konnten ihm und seinem „Mama, Mama, der Zahnarzt hat heute gar nicht gebohrt“- Lächeln noch nie widerstehen.

Einen Tisch weiter links hatte sich offenbar die alternative Künstlerszene der Stadt getroffen, wie John unschwer an den Früchtetee-Tassen, und den Räucherstäbchen auf dem Tisch und der überdurchschnittlich hohen Ansammlung von Birkenstock-Sandalen unter dem Tisch, erkennen konnte. John kannte nicht alle, die am Tisch saßen, aber wenigstens drei von ihnen konnte er einwandfrei identifizieren (was ihm beim späteren Polizeiverhör noch zum Verhängnis werden sollte) – dies waren zum einen Gobi und Bibi, zwei weit über die Grenzen der Stadt bekannte Performance-Künstlerinnen, die vor Jahren mit sehr eindeutigen und gewagten Männer-Akten für Furore sorgten, mittlerweile aber mehr in den Intimschmuck-Bereich abgedriftet waren (Gobi und Bibi waren natürlich nicht ihre richtigen Namen (Wer hat eigetlich in diesem Buch einen richtigen Namen ???), aber wie alle Künstlerinnen hatten sich auch diese beiden Künsternamen zugelegt – warum sie sich aber gerade für Gobi und Bibi entschieden hatten, wußte eigentlich niemand so genau – die eine These besagte, daß dies die Namen ihrer ersten Männermodels waren; die andere ging davon aus, daß es sich bei Gobi und Bibi um Sagengestalten aus der spanischen Mythologie handelte).

Zum anderen war dies der Regisseur und (Film-)Komponist Uwe (Uwe war tatsächlich sein wirklicher Name), der mit Katastrophenfilmen (oder besser gesagt mit katastrophalen Filmen) und ebensolcher Musik berühmt UND  berüchtigt geworden war.

John versuchte sich gerade an den Titel des letzten Katastrophenfilmes, den Uwe gedreht hatte, zu erinnern (der ihm leider nicht einfiel, der aber, das sei der Vollständigkeit halber an dieser Stelle erwähnt, „Die Hazienda der 13 Plagen“ lautete), als er am Nachbartisch noch ein bekanntes Gesicht entdeckte.

Es handelte sich um Sigismund Vollmitwermuth, der vor geraumer Zeit Schlagzeilen machte, weil es im mehrmals gelang, den Eisprung seiner Frau auf die Sekunde exakt vorherzusagen. Aus unerfindlichen Gründen hatte dies aber nie dazu geführt, das aus Spaß Ernst wurde, und Ernst mittlerweile 5 Jahre alt geworden wäre (Der geneigten Leserin, der bei solch scheinbar sexistischen Aussagen sicherlich die Haare zu Berge stehen werden, sei gesagt, daß das Niveau sofort wieder ansteigen wird, und das solche Sätzte die Ausnahmen bleiben werden).

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Eine der Vorzüge des „Blue Note“ war, daß man jeden Winkel des Raumes von der Bühne aus einsehen konnte – direkt vor der Bühne standen 4 Tische, die allesamt besetzt waren. Dahinter verteilten sich im ganzen Raum gut und gerne zwanzig weitere Tische, die jeweils ca. 5 – 8 Zuhöhern Platz bot. Zudem waren an beiden Wänden lange Tresen angebracht, die ebenfalls dicht umlagert waren. Ganz hinten baute sich dann noch Teq´s Bar auf  – ein imposantes Ding aus Holz, Glas und Spiegelwänden, das sich über eine Länge von gut 15m erstreckte. Hier saßen immer die Gäste, die nicht unbedingt wegen der Musik gekommen waren, aber selbst diese hatten mittlerweile ihre Augen in Richtung der Bühne gerichtet, und klatschten begeistert Beifall.

John verstand für eine kurzen Augenblick nicht, was denn eigentlich passiert war, aber als er bemerkte, daß auf einmal alle Anwesenden wie gebannt auf die Bühne starrten und frenetisch applaudierten, drehte auch er sich wieder der Band zu.

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„Was für ein Teufelskerl“ dachte John, als er Bert erblickte. Dieser hatte wohl als erster begriffen, daß sie heute abend etwas Besonderes bieten mußten, um dem Publikum zu gefallen – und in der Tat, das tat Bert.

Sein Solo hatte gerade seinen ersten Höhepunkt erreicht (wobei hier die Betonung auf „sein Solo“ zu legen ist).

Er hatte wie immer verhalten begonnen, dann nach ca. 10 Chorusen das Tempo angezogen und nun spielte er immer höher, immer schneller und immer mitreißender und – er TANZTE !!!

Sein Kopf hatte inzwischen eine Farbe angenommen, die bedenklich dem Rot der Kirschen auf seinem Hemd ähnelte (Bert hatte schon immer einen etwas eigentümlichen, aber dafür umso individuelleren Geschmack in Bezug auf seine Kleidung gehabt, aber an diesem Abend hatte er sich selbst übertroffen – sein Hemd war übersäht mit riesigen, roten, vollreifen Kirschen, die derart realistisch wirkten, daß es hin und wieder schon vorgekommen war, daß Bert von sogannten „Kirschfetischisten“ angeknabbert wurde (wobei nie vollständig und unzweifelhaft evaluiert werden konnte, ob Bert nicht gerade deswegen solche Hemden trug), und sein Schweiß floß in Strömen – aber er tanze. Sein massiger aber dennoch sehr bewegliche Oberkörper wog im Takt zur Musik unermüdlich vor und zurück, seine Beine flogen derart durch die Luft, daß es einer Cha-Cha-Tänzerin alle Ehre gemacht hätte, und als Krönung wackelte er noch mit den Ohren.

Das Publikum raste, und als Bert zum Abschluß noch eine Salto-rückwärts aus dem Stand vollführte (John hatte noch nie verstanden, wie Bert das machte, denn er hörte dabei  nicht auf, sein Sax zu blasen) und er danach kurzerhand sein Solo beendet hatte, hörte man vor lauter Applaus fast den Gesang von George nicht mehr (den meisten Gästen entging dadurch die letzte Strophe des Liedes, in der der Mann, nennen wir in M. Eiser, zum absoluten Star der nationalen Talkshow – Fernsehszene aufsteigt und mit seinen Geschichten täglich Millionen von Hausfrauen und Studenten und Schülern, die sonst nichts zu tun haben, mit Themen wie „Mein Kanarienvogel geht fremd“ oder „Hilfe, mein Sohn hört PUR“ in den Schlaf redet).

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Bei dieser Gelegenheit möchte der Autor gerne ein paar Worte über „Glück“ los werden. Dies mag auf den ersten Blick an dieser Stelle völlig zusammenhanglos erscheinen, was wahrscheinlich daran liegt, daß es völlig zusammenhangslos ist,  aber dem Autor ist es gerade danach, ein wenig herumzuphilosophieren.

Also, was ist Glück ? Wir sprechen hier nicht von der Art Glück, das dem einen mehr und dem anderen weniger widerfährt, und das einem ohne eigenes Zutun irgendetwas Schönes oder Gutes beschert (wobei zugegebenermaßen die Spanne hier vom Lottogewinn, über Frau und Kinder bis hin zum Vogeldreck, der einen nur knapp verfehlt, sehr weit gespannt ist), sondern von Momenten, in denen man und frau sich einfach vollkommen glücklich fühlt, und von Momenten in denen die Welt aufhören könnte sich zu drehen, um für immer in diesem Moment zu verweilen. Diese Momente können durch Banalitäten verursacht werden, und es können ganz kurze Momente sein, können sich aber auch über Stunden, Tage oder gar Wochen hinziehen.

Doch was sind nun solche Momente vollkommenen Glückes, bzw. durch was können sie ausgelöst werden ?

Diese Frage allgemeingültig beantworten zu wollen, ist sicherlich vermessen, aber aus Sicht des Autors könnte man einige Beispiele aufzählen. Z.B. sich mit einem netten Mädel völlig zwanglos ein paar Stunden gut zu unterhalten; irgendeine Tätigkeit zu seiner eigenenund das Publikum einfach gut drauf sind und der Funke von einem zum anderen überspringt; einen Fehler in einem 20-seitigen C-Listing nach wochenlanger Suche endlich unschädlich zu machen; ein erklommener Berggipfel, von dem man eine grandiose Fernsicht hat und auf dem vollkommene Stille herscht, ein kurzes Wort des Dankes oder der Anerkennung von Menschen, die einem etwas bedeuten; der Augenblick, in dem sich die Bustür öffnet, und man endlich aufs Klo rennen kann (wobei man aber auf eventuell im Weg stehende Leitplanken achten sollte – „und nehmt auch alles mit !!!“), da man ja noch kurz vor der Abfahrt eine Maß Bier trinken mußte; der Moment, in dem ein süßes Baby, das man gerade auf dem Arm hat, einen anstrahlt, oder einfach nur morgens lange im Bett liegen zu bleiben, gute Musik zu hören und all den Streß den anderen zu überlassen. vollsten Zufriedenheit auszuführen; im Frühling auf einer duftenden Wiese zu liegen, über sich nur den blauen Himmel, die Vögel zwitschern zu hören und ein laues Lüftchen umspielt sanft das Gesicht (also diese Stelle kann man fast schon als poetisch bezeichnen); einen Freund zu haben, auf den man sich absolut hundertprozentig verlassen kann, und mit dem man über alles reden kann, und von dem man selbst ins Vertrauen gezogen wird; ein Frühstück um 12 Uhr mittags, mit frischen Brötchen und der aktuellen Tageszeitung; ein Konzert, in dem die Musiker

All diese Dinge können, müssen aber nicht ein vollkommenes Glücksgefühl auslösen – denn erzwingen kann man so etwas nicht, und kaufen natürlich auch nicht.

Solch ein Moment kann einen wie aus heiterem Himmel treffen, durch Kleinigkeiten ausgelöst, die man gar nicht beschreiben kann, weil sie normalerweise völlig belanglos und unwichtig erscheinen und es oft auch sind. Aber gerade diese Kleinigkeiten, die jedem jederzeit widerfahren können, machen es möglich, daß jeder, wie dreckig es ihm auch geht, wenn auch unter Umständen nur für Sekunden, solche Momente vollkommenen Glückes erfahren kann, und damit für diesen Moment seinen eigenen Sorgen und Ängsten entfliehen kann.

Sollte es Menschen geben, die von sich behaupten können, sie hätten das gefunden, das ihnen diese Glücksgefühle garantiert (vielleicht sogar ihr ganzes Leben lang ??), so wären diese zu beneiden. Oder auch nicht, denn kann ein Mensch, der nur Glücksgefühle erlebt, diese überhaupt noch wirklich schätzen und als Glück empfinden, oder empfindet nicht der, dem es eigentlich ziemlich schlecht geht, ein zeitweiliges (aber dafür vielleicht intensiveres) Glücksgefühl als viel befriedigender???

Mit dieser rhetorischen Frage möchte der Autor diesen kleinen Ausflug in die Philosophie beenden, und sich nun wieder den wirklich wichtigen Dingen des Lebens zuwenden. Denn schließlich ist eine Geschichte zu schreiben, und der geneigte Leser und die geneigte Leserin haben nun mal ein Anrecht darauf, zu erfahren, wie es denn nun weitergeht.

„Also, Kameraden, seid zur Hand und frisch ans Werk“ (FAUST II – wenn auch a bisle geändert).